Von J. P. Stern

Hitler ist in seinem Persönlichkeitstyp immer wieder als ein verschlampter oder verunglückter Künstler bezeichnet worden. Wie soll diese Charakterisierung beistanden werden?

In seinen Unterhaltungen mit Emil Ludwig sieht Mussolini sich als einen Künstler, der in Menschenmaterial arbeitet, in der Masse Mensch. „Wenn ich dann die Masse in meinen Händen fühle, wie sie glaubt, oder wenn ich mich unter sie mische, und sie mich beinahe zerdrückt, dann fühle ich mich ein Stück dieser Masse. Und doch bleibt ein Stück Aversion, wie sie der Dichter gegen die Materie hat, die er bearbeitet. Zerschlägt der Bildhauer nicht manchmal aus Wut den Marmor, weil er sich unter seinen Händen nicht genau nach der ersten Vision gestaltet? Hier steht sogar die Materie gegen den Bildner auf.“

Und Lenin (so meint Mussolini) sei so ein Künstler gewesen, der in Menschenmaterial gearbeitet habe wie andre in Marmor oder Metall. Von Hitler ist keine vergleichbare Formulierung zu erwarten. Folgt man aber seinen Gesprächen, so ist man überrascht von der Leichtigkeit, mit der er innerhalb weniger Seiten seiner „Tischgespräche“ von einem Thema zum anderen springt: von der Spurweite europäischer und russischer Eisenbahnen zur rassischen „Aufnordung“ Berchtesgadens, von einer Reminiszenz darüber, wie er sich Schacht zu Vorschlägen für ein neues Eherecht kaufte, von Überlegungen, was mit den Juden zu tun sei und wie in Polen und der Ukraine Maßnahmen zur Empfängnisverhütung zu fördern seien, hygienische Verbesserungen aber zu hintertreiben, bis zur Verspottung des englischen Projekts von Düsenflugzeugen und zu seinen grandiosen Plänen für Linz, wo nach dem Krieg eine ungeheure Kunstgalerie erbaut werden sollte ... Was an all diesen Phantastereien so erstaunt, ist die scheinbar widerstandslose Biegsamkeit der Welt und all dessen, was sie enthält, ihre Verfügbarkeit in den Händen dieses verunglückten Künstlers. Von dieser hybriden Rasse der Künstler-Politiker sagt Nietzsche einmal: „Mit solchen Wesen rechnet man nicht, sie kommen wie das Schicksal an, ohne Grund, Vernunft, Rücksicht, Vorwand, sie sind da wie der Blitz da ist“ – diese nicht gerade subtilen Naturmetaphern sollen die Spontaneität des „Erlebnisses“ betonen, für das eine bescheidenere Moral nicht gilt – „wie der Blitz: zu furchtbar, zu plötzlich, zu überzeugend, zu ‚anders‘, um selbst auch nur gehaßt zu werden. Ihr Werk ist ein instinktives Formen-Schaffen, Formen-Aufdrücken, es sind die unfreiwilligsten, unbewußtesten Künstler, die es gibt: ... In ihnen waltet jener furchtbare Künstler-Egoismus, der wie Erz blickt und sich im ‚Werke‘, wie die Mutter in ihrem Kinde, in alle Ewigkeit voraus gerechtfertigt weiß.“

Auch Hitlers Rhetorik betont das Jähe und Plötzliche, das Naturhafte und Unwiderstehliche der Partei und der „Bewegung“, das Schicksalhafte seiner Führerschaft. Aus der Erfahrung von Plötzlichkeit, Naturhaftigkeit und Unwiderstehbarkeit der Ereignisse bezieht die demagogische Politik ihren Stil, hier spricht sie die Sprache des Zeitalters. Daher genügt es keineswegs, die Selbstreklame des Nationalsozialismus als „der Bewegung“ im Gegensatz zum sozialdemokratischen „System“ als „bloße Propaganda“ abzutun. Gewiß: Worum es hier geht, ist Propaganda. Doch die absolute Propaganda gibt es sowenig wie die absolute Lüge oder die absolute Willkür. Politische Propaganda ist nur insofern möglich; als sie in einer dem Publikum vertrauten Sprache verfaßt ist; das heißt, sie teilt mit dem Publikum, das sie ansprechen soll, drei ineinander verflochtene Merkmale:’ sie muß von allgemein empfundenen Befürchtungen ausgehen; sie muß Mittel empfehlen, die von allgemeinen Mitteln nicht radikal verschieden sind; und Ziele anstreben, die allgemein als wertvoll empfunden werden. Mit anderen Worten: Propaganda ist nicht Erfindung oder Schöpfung eines Neuen, sondern Radikalisierung, Übertreibung eines Alten, einer anerkannten Wertskala. Hitlers Propaganda war erfolgreich, teils weil ihr Stil den Hoffnungen jener entsprach, die sich Gewinn von jeder „plötzlichen“ und dramatischen Veränderung versprachen; teils weil Hitlers Talent für anscheinend plötzliche, grundsätzliche Entscheidungen als eine äußerliche Bestätigung seines Charisma, seines grenzenlosen, weltverändernden Willens gedeutet werden konnte. Die hastigen Fahrten von einem Ende Deutschlands zum anderen (in einem hochtourigen Mercedes, dem Geschwindigkeitssymbol eines jeden deutschen Schuljungen); die Überlandflüge von einer Parteiversammlung zur anderen (in einem offenen Fokker-Wulf-Doppeldecker) – all dies sind Propagandazüge im Dienst jenes Mythos des jähen Blitzstrahls, eines Mythos, der dadurch einzuschüchtern sucht, daß er einem schlauen politischen Zug den Aspekt eines allgegenwärtigen Schicksalsschlags oder Naturereignisses verleiht.

Ein Naturereignis: auch heute sind wir uns noch nicht genügend bewußt, in welchem Ausmaß die Sprache, das Denken und die Praxis faschistischer Bewegungen im allgemeinen und des Nationalsozialismus im besonderen von jenem „Natur“-Vokabular bestimmt sind, das seine Wurzeln in der Romantik des frühen neunzehnten Jahrhunderts hat und das einst die Fundgrube der schönsten und ergreifendsten lyrischen Dichtung der europäischen Literatur gewesen war; auch heute erkennen wir noch nicht, in welchem Ausmaß der physischen Verschmutzung der natürlichen Welt die ideologische und intellektuelle Verschmutzung – des Naturbegriffs vorangegangen. ist; „Mein Kampf ist ein wahres Musterbeispiel dieser Metaphorik. Das Leben von Nationen (schreibt Hitler dort), von Rassen, Kulturen und Kontinenten, wird von denselben Gesetzen von Gesundheit und Krankheit bestimmt wie das Leben der Individuen. Staaten sind lediglich ein künstliches (soll heißen unnatürliches) Mittel zum Ziel – ein Widerhall aus „Zarathustra“ – die echte, „natürliche“ Einheit ist die Nation. Geistige, moralische, rassische und gesellschaftliche Gebrechen sind alles Abweichungen von der natürlichen Norm, obwohl manche von ihnen als Naturkatastrophen zu einer „Veredelung der Art“ führen können: und deren wichtigste ist der Krieg. „Die Sünde gegen Blut und Rasse“ ist eine ansteckende Krankheit des gesellschaftlichen Körpers absolut analog mit Syphilis (die ja stets von Hitler persönlich äußerst gefürchtet wurde) als einer Krankheit des physischen Körpers, und ihr muß hier wie dort durch entsprechende Rassengesetze vorgebeugt werden. Eugenische Erziehung muß von Kommissionen durchgesetzt werden, die das Recht besitzen, die Würdigkeit eines Mannes zur Staatsbürgerschaft, seine Eignung für die Ehe und seine Berechtigung zu ständiger Niederlassung zu bestimmen (es geht hier um Vorschläge, die erst 1942 verwirklicht werden können). Gesund ist eine Nation, in der „echter Idealismus“ im Einklang mit dem „Willen der Natur“ dem „aristokratischen“ Prinzip der natürlichen Selektion folgt. Dementsprechend begünstigt die Natur den Menschen, die den „Willen“ besitzt, sich über andere zu behaupten, und die Rasse, die den „Willen“ besitzt, alle anderen aus dem Feld zu schlagen. Früher (schreibt Hitler) habe dieses „aristokratische“ Prinzip in der Wirtschaft, Kunst und Kultur gegolten; nun sei es an der Zeit, es auch auf die Politik anzuwenden. Ein rassisch unreiner Staat (Österreich/Ungarn), der ein verseuchtes Herz (Wien) besitzt, hat „zwangsläufig“ eine dekadente Kultur, die wiederum in seinem „Lebenswillen“ zum Ausdruck kommt, in seinem geschwächten „Willen zur Selbstverteidigung“ und seinem „Abwehrwillen gegenüber der Infektion“. (Auch dieses ganze „Willens“-Gerede geht auf Nietzsche und Schopenhauer zurück.) Verursacht wird dieser Zustand der Dekadenz vornehmlich durch den Verlust eines instinktiven,’ nicht rationellen Verstehens des genetischen und unabwendbaren Natürprozesses; durch die Unfähigkeit zu erkennen, wo die Bedrohung und Verseuchung der Rassenart herstammen; durch die Unfähigkeit, zu erkennen, daß der Jude die verkörperte „Unnatur“ ist. Im Endstadium dieses Vorgangs sieht Hitlers apokalyptische Phantasie die Erdkugel als einen leeren Planeten, der in die Ewigkeit rollt. Das Vokabular der „Unnatur“ – „Abszesse“, „Paralysen“, „Blutbahnen, die das Gift in jedes Glied tragen“, „Kolonien“ und „Kulturen“ von „Parasiten“ und dergleichen mehr – wird zur Hauptwaffe in der Attacke auf den jüdischen Einfluß im deutschen und arischen Leben (abgesehen von den antisemitischen Assoziationen erinnert dieses Vokabular an die frühen Gedichte Gottfried Benns).

Die volkstümliche Anziehungskraft dieser Sprache kann nicht bezweifelt werden. Als Beweis dafür will ich auf über 600 Aufsätze verweisen, die zur Beantwortung einer Preisfrage geschrieben wurden. Im Juni 1934 kündigte ein amerikanischer Soziologe einen Wettbewerb „für die beste persönliche Lebensgeschichte eines Anhängers der Hitlerbewegung“ an, und an Hand dieser Essays kann die Popularität der Naturmetaphorik, besonders in der Sphäre des Antisemitismus und anderer Phobien, deutlich veranschaulicht werden. Freilich ist weder Hitlers Antisemitismus noch der seiner Anhänger ausschließlich auf diesen oder irgendeinen anderen Einzel Wortschatz beschränkt; so flicht er mit großer Vorliebe theologische Anspielungen ein, wie am Schluß des zweiten Kapitels: „So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn!“ Doch von seinen Anfängen in München an war Hitler von Intellektuellen umgeben, die sich von dieser Opus-Dei-Sprache und (etwas später) von seiner messianischen Bildlichkeit nicht beeindrucken ließen. Was diese Intellektuellen mit ihm verband, war die Gewohnheit, gesellschaftliche und psychologische Fragen nach rassischen und biologischen Analogien zu entscheiden, deren Autorität für sie schon durch ihre angeblich wissenschaftliche Herkunft verbürgt war: in den Schriften von Politikern wie Georg von Schönerer, kulturellen Vielwissern wie Houston Stewart Chamberlain (dessen „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“, 1898, jedoch kaum antisemitisch ausgerichtet sind) oder Psychologen wie Otto Weininger (dessen antisemitisches „Geschlecht und Charakter“ von Hitlers Dichterfreund und Mentor Dietrich Eckart bewundert wurde). Für jene Intellektuellen aus Hitlers Frühzeit lag die Faszination des Mannes in der völlig zügellosen Radikalisierung der „Theorie des Organischen“.