West III, Nord III, Hessen III, Montag, 31. Juli, 21 Uhr 15: „Der schwarze Pirat“, amerikanischer Stummfilm von 1926 zum Auftakt einer Reihe von Douglas-Fairbanks-Filmen. Es folgen: „Der Dieb von Bagdad“ (7. 8.), „Die eiserne Maske“ (14. 8.), „Robin Hood“ (21. 8.), „Das Zeichen des Zorro“ (28. 8.).

Er war ein Träumer und ein Poet, dieser geschmeidige Modell-Athlet mit dem schmalen Oberlippen-Bärtchen im runden, ewig strahlenden Gesicht. Und weil er nicht irgendein Träumer war, sondern ein amerikanischer, entschloß er sich, seine Träume zu verkaufen: ein Poet mit Sinn fürs Geschäft, ein amerikanischer Poet.

Er träumte von Abenteuern und Gefahren, von edlen Männern und tollkühnen Taten, von fernen Kontinenten und längst versunkenen Epochen, von ewiger Treue, ewiger Liebe, ewiger Jugend. Sein Werk ist eine einzige, große Verweigerung gegenüber der berechenbaren, phantasielosen Welt der Erwachsenen, eine Aufforderung zur Flucht in das üppig dekorierte Paradies der Kaderabteilungen aller Kaufhäuser dieser Welt. Er leistete sich den einzigartigen Luxus, das magische Universum der verlorenen Kindheitsbilder wiederherzustellen, und er bewegte sich darin mit einer Beschwingtheit und Grazie, als gebe es keine andere Welt daneben.

Was je Kinder mit brennenden Augen im Schein einer Taschenlampe nachts heimlich unter der Bettdecke gelesen haben – er brachte es ans Licht des Kinos, er lebte und er spielte es: D’Artagnan und Zorro, Robin Hood natürlich, den schwarzen Piraten und den Dieb von Bagdad, die Welt der französischen Königshöfe und der englischen Ritterromane, der orientalischen Märchen und der karibischen Schatzinseln, Alexandre Dumas und Sir Walter Scott, Robert Louis Stevenson und Tausendundeine Nacht.

„Man muß die Handlung vergessen und den Film wie ein Ballett oder Märchen betrachten“, empfahl der junge René Clair, nachdem er Douglas Fairbanks in „Robin Hood“ gesehen hatte: „Man muß ihn mit Kinderaugen erleben. Diese Vollkommenheit der Bewegung gibt es nur auf der Leinwand. Für mich ist ‚Robin Hood‘ eine Heersäule wogender Kriegsfahnen, Hufschlag galoppierender Rosse, Tanz freier Männer im Wald, Jagd durch ein gigantisches Schloß und schwindelndes Hinwegsetzen über Gräben, Flüsse, Wälder, Länder... ein naives, tief ergötzliches Gedicht.“

Ein Jahrzehnt lang, zwischen 1920 („Das Zeichen des Zorro“) und 1929 („Die eiserne Maske“), beherrschte Douglas Fairbanks mit seinen überlebensgroßen Phantasie-Gebilden die Leinwand. Entwicklungen der Filmsprache, wie sie Murnau oder Eisenstein fern von Hollywood wagten, kümmerten ihn nicht. Erst der Beginn des Tonfilms bedeutete das Ende seiner Kunst, die sprachlos: bleiben mußte, um ihren Zauber nicht zu verlieren. Sie lebte allein von der athletischen Anmut seiner Bewegungen, von seinen waghalsigen Kunststücken und Spielereien, denen er mit Hilfe der besten Architekten, Designer, Kostümbildner, Trickspezialisten und Kameramänner einer auf das Sensationelle eingeschworenen Industrie den opulenten Rahmen schuf.

Daß seine Stimme nicht seiner Erscheinung entsprach, daß sie viel zu hoch war, um sein Draufgängertum zu beglaubigen, erscheint als tragische Ironie: Mit der Erfindung des Tonfilms holte den Märchenprinzen die Realität ein. Als alter D’Artagnan, der mit den grau gewordenen Musketieren seinen König aus dem Kerker befreit, starb Fairbanks 1929 zum ersten und zum letzten Mal in seiner Karriere den Kino-Tod. Danach gelang ihm nichts mehr. Er starb zehn Jahre später im Alter von 56 Jahren.