Auch als ägäis-erprobter Segler und Besitzer eines „A-Scheins“ faßt man den bauchigen Kahn, dessen Masten sich schon im Hafenbecken neigen, erstmal skeptisch ins Auge. Ob er wohl jemals den windschnittigen Anblick wie im Reisekatalog bieten würde, der mich zu diesem „Piratentörn“ auf der „Adria“ gelockt hat?

Eine Woche dalmatinische Inselwelt zwischen Split und Dubrovnik – mit „einem bißchen Windjammeratmosphäre und ein wenig Abenteuer“: So heißt es im Text unter dem sonnigen Werbephoto. Nur: Bei der Ankunft in Split gießt es in Strömen. Es regnet in Korćula. Und auch in Dubrovnik verdüstern dunkelgraue Wolken den Landausflug in die Altstadt. Von der im Törnprogramm vorgesehenen Weiterfahrt nach Cavtat rät der Kapitän ab; er fürchtet, daß seine Gäste beim Kampf des 39-Meter-Schiffes mit der stürmischen See in die Kojen fallen. Und als Krankenstationen sind die Raumschläuche mit Etagenbetten nun wirklich ungeeignet.

Windjammerromantik? Ein feuchter Jammer. Da ist nichts mehr von dem erhaben-nostalgischen Gefühl, das einen Freizeitkäpt’n angesichts einer Gorch Fock ergreift. Nun denkt man eher sachlich an die rauhe Vergangenheit des Bootes, das – in den fünfziger Jahren als Motorfrachtkutter in Dienst gestellt – stur Kisten und Säcke von einer Küste zur anderen geschippert hat, bis es Fremdenverkehrsstrategen 1972 ins touristische Vergnügen geschickt haben

Der jugoslawische Reiseleiter Milan drängt angesichts der trüben Mienen an Bord auf einen Ortswechsel. „Wir machen einen Ausflug nach ‚Orsan‘ und gehen chic Fisch essen“, propagiert er mit der gleichen Munterkeit, mit der er auch morgens um acht – den Gong in der Hand – müde Schläfer zum Frühstück treibt. Die Reaktion ist ähnlich. Die Störtebekertruppe folgt unwirsch zunächst – und kehrt dann aufgemuntert in die Kajüten zurück: Die Bäuche voll von würzigem Barsch und köstlichen Langusten.

Die Kreuzfahrerschar formiert sich: zu einer lärmenden „Mau-Mau“-Spielergruppe, zu konzentrierten Schachgegnern und fleißigen Skatmischern. Es wird ein berauschendes Kartenfest – bis morgens um vier. Entsprechend verkatert reagieren die Grandexperten, als Milan zum Morgenkaffee gongt: „Sonne! Wir setzen Segel!“

Der erste Passagier, der die steilen Stolperstufen zum Deck hinaufkrabbelt, bestätigt die ungeheuerliche Meldung: „Die Fock ist gesetzt.“ Der Haufen stürzt – ungewaschen – an die Reling. Nicht mit dem Piratenschwert, sondern mit der Kamera samt Wechselobjektiv! Ein Beiboot wird zu Wasser gelassen und die Mannschaft in schußgerechte Entfernung zu dem imponierenden Dreimaster unter vollen Segeln gebracht. Die Sonne im Rücken, Blende elf, 1/250 Sekunde. Das gleiche Klick-Manöver von der anderen Seite. Das erste Törnziel ist erreicht.

Daß Käpt’n Ivo nach zweistündigem geruhsamen Vorwärtsgleiten (Raumschot mit zweier Wind) ohne Dieselmotor die weiße Herrlichkeit an den Masten wieder einholen läßt, tut der Begeisterung kaum Abbruch. Die „Adria“ hat bewiesen: Sie kann segeln. Zufrieden ruht die Urlaubermannschaft in den noch klammen Liegestühlen. Langsam gleitet das grüne Festland an Steuerbord und die Insel Sipan an Backbord vorbei. Mljet kommt in Sicht.