Von Eva Marie von Münch

Niemand weiß genau, wie viele Ehepaare sich nur der Kinder wegen nicht scheiden lassen; denn daß Kinder unter einer Scheidung oft mehr leiden als die Eltern, daß vor allem kleine Kinder häufig irreparable seelische Schäden davontragen, ist mittlerweile eine weit verbreitete Erkenntnis. Es gibt jedoch einen Grad von Entfremdung und Haß zwischen Eheleuten, jenseits dessen selbst die Rücksicht auf die Kinder eine Scheidung nicht verhindern kann, zumal Psychologen darauf hinweisen, daß das Aufwachsen in einer zerrütteten (aber nicht geschiedenen) Ehe Kindern ebenso schaden kann. In der Bundesrepublik werden deshalb mehr als 100 000 minderjährige Kinder jährlich „Scheidungswaisen“.

Die wichtigste Regelung im Zusammenhang mit der Scheidung betrifft die Frage, bei welchem Elternteil die Kinder in Zukunft leben und aufwachsen sollen. Bis vor einem Jahr waren die Vormundschaftsrichter hierfür zuständig; seit der Scheidungsrechtsreform entscheidet der Familienrichter gleichzeitig mit der Scheidung auch über die elterliche Gewalt. Bei seiner Entscheidung soll der Richter sich über einen gemeinsamen Vorschlag der Eltern nur dann hinwegsetzen, „wenn dies zum Wohle des Kindes erforderlich ist“. Können die Eltern sich nicht einigen, und machen sie deshalb keinen gemeinsamen Vorschlag, so entscheidet der Richter allein. Sein Maßstab war nach dem vor der Scheidungsrechtsreform geltenden alten Recht einerseits das „Wohl des Kindes“, andererseits aber auch die Scheidungsschuld; normalerweise sollte im Streitfall die elterliche Gewalt dem nichtschuldigen Elternteil übertragen werden: Der eine hatte die Schuld, der andere hatte die Kinder. Das neue Scheidungsrecht, das die Frage nach der Scheidungsschuld nicht mehr stellt, sondem auf dem Zerrüttungsprinzip beruht, hat auch bei der Entscheidung über den Verbleib der Kinder die Berücksichtigung von Schuldgesichtspunkten gestrichen. Seit einem Jahr ist deshalb das „Wohl des Kindes“ einziges Kriterium für die richterliche Entscheidung über die elterliche Gewalt.

Die Konkretisierung des vagen Begriffs „Kindeswohl“, die Richtern schon früher nicht leicht fiel, ist mit dem neuen Recht noch schwieriger geworden, weil sie in einer Atmosphäre verschärfter Konflikte geschehen muß. Viele Familienrichter berichten, daß Eltern sich heute seltener als früher über den Verbleib ihrer Kinder einigen und oft erbittert und unter Einsatz von gewaltigen Körben voller „schmutziger Wäsche“ um die Kinder kämpfen. Der Grund dafür ist eine Bestimmung des neuen Scheidungsrechts, die eigentlich nur im Interesse der Kinder in das Gesetz aufgenommen worden ist: Wer gemeinsame Kinder erzieht, kann von seinem geschiedenen Ehepartner auch für sich selbst Unterhalt Verlangen, solange und soweit eine eigene Erwerbstätigkeit wegen der Kindererziehung nicht erwartet werden kann. Die Kinder werden so zu Geiseln, die – unmittelbar – bares Geld wert sind.

Für geschiedene Ehefrauen erweist sich der Unterhaltstatbestand der Kindererziehung häufig als Schlüssel für eine lebenslange Versorgung. Eine Frau nämlich, die nach einigen Ehejahren durchaus wieder berufstätig sein könnte, wird, wenn nach den Jahren der Ehe noch Jahre der Kindererziehung liegen, dann oft zu alt sein, um eine „angemessene“ Stelle zu finden; ihr geschiedener Mann muß dann weiter für ihren Unterhalt aufkommen. Eben dies aber versuchen geschiedene Männer zu verhindern, wenn es nur irgend geht. „Lieber verzichte ich auf meine Karriere und nehme die Kinder zu mir, als daß ich der Ziege lebenslang Geld hinterherschmeiße“ – dieser Ausspruch eines „in Scheidung“ lebenden Vaters dürfte für viele zutreffen.

Was tun Richter, wenn sie unter solchen Bedingungen eine Regelung treffen müssen, die laut BGB „unter Berücksichtigung der gesamten Verhältnisse dem Wohle des Kindes am besten entspricht“? Es gibt eine umfangreiche Rechtsprechung darüber, welche Faktoren im Bereich des „Kindeswohls“ berücksichtigt werden müssen, Erst kürzlich hat das Oberlandesgericht München eine ganze Reihe der in diesem Rahmen relevanten Umstände aufgezählt: „Erzieherische Eignung der Eltern, Alter und Geschlecht des Kindes, Möglichkeiten der Unterbringung und Betreuung des Kindes, innere Bereitschaft eines jeden Elternteils, das Kind zu übernehmen und die Verantwortung für seine Versorgung und Erziehung zu tragen, Folgen eines Umgebungswechsels, künftige Entwicklung der Verhältnisse“; derlei wohlklingende Umschreibungen einzelner Aspekte des „Kindeswohls“ rechtfertigen fast jede beliebige Entscheidung; auf die Fragwürdigkeit solcher Kriterien ist von Wissenschaftlern deshalb schon seit längerem hingewiesen worden,

Wie Richter wirklich im konkreten Einzelfall entscheiden, hat eine „Forschergruppe Familienrecht“ der Universität Frankfurt am Main kürzlich untersucht. Juristen, Soziologen, Psychoanalytiker und Psychologen analysierten – finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft – vier Jahre lang Gerichtsakten und befragten Richter nach ihren Erfahrungen. Sie kamen zu Ergebnissen, die Laien vermutlich verblüffen: