Die amerikanischen Indianer machen wieder einmal von sich reden. Sie werfen Präsident Carter Doppelzüngigkeit in der Menschenrechtsfrage vor und fordern eine Garantie ihrer Ansprüche.

Allen Kummer mit dem im wesentlichen an der Ewigkeit orientierten Zeitgefühl wie auch mit dem das Detail gern sich selbst überlassenden Organisationsstil der Indianer schluckten die Behörden tapfer herunter. So waren in der vergangenen Woche vom US-Vizepräsidenten über die führenden Männer im Kongreß bis zur Park- und Verkehrspolizei der Bundeshauptstadt alle bemüht, die Repräsentanten von mehr als hundert Stämmen mit einer Wolke von Sympathie zu umgeben.

Mitte Februar hatte bei San Franzisko der Demonstrationszug quer durch Amerika begonnen, genannt der „längste Marsch“, mit dem die Indianer erneut an das Gewissen und an die Verantwortung der Weißen für das Schicksal der Urbewohner dieses Kontinents appellieren wollten. Anlaß zu dieser dramatischen Geste waren elf Gesetzesvorlagen, die zwei Abgeordnete aus dem Staate Washington im Kongreß eingebracht haben. Danach sollen alle alten Indianer-Verträge außer Kraft gesetzt werden, alle Bodenansprüche der Indianer, vor allem in Maine und im Staate New York, sollen annulliert und die Selbstverwaltungs-, Fischerei- und Wasserrechte beschnitten werden. Keine der Vorlagen hat Aussicht auf Annahme. Das wissen auch die Indianer. Wenn sie dennoch protestierten, dann geschah das, um auf ihre unveränderte Misere hinzuweisen.

Während der letzten Jahre sind Indianerstämme, unterstützt von engagierten Juristen, in etlichen Prozessen um Landansprüche aus vergessen geglaubten Verträgen erfolgreich gewesen. Das hat das Selbstbewußtsein der Indianer gestärkt, gleichzeitig aber auch mäßigend auf ihr Verhalten gewirkt, denn Verfügungs-’ rechte über erhebliche Bodenschätze an Kohle, Erdgas, Öl und Uran stehen auf dem Spiel. Diese Herausforderung hat Washington bewogen, den Ansprüchen der Indianer heute genauer zuzuhören als früher.

Was die Indianer vor allem vermissen, ist eine Erklärung Präsident Carters mit der Anerkennung ihrer in 389 Verträgen und über 2000 Gerichtsentscheidungen erworbenen Rechte. Sein Schweigen zu dieser komplizierten Materie deuten sie als stille Komplizenschaft mit mächtigen Industriegesellschaften, die sich Zugang zu den Energiereserven in den Reservaten von schätzungsweise 25 Stämmen zu schaffen suchen. Bezopfte Häupter, dumpfe Trommelschläge und die Sprüche von Medizinmännern vor den Stufen des Capitols können nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch die Indianer das politische Geschäft allmählich erlernen.

Ulrich Schiller (Washington)