Die Menschen, die Formen, die Farben: als Bilderwelt, als Wille und Vorstellung. Aus dem optisch-mechanischen Bildmittel Photographie ein Vehikel für künstlerische Absichten formen, gedankenvoll und vornehm so empfunden, „Realistisches“ als Roheit ausschalten, das wollten um die Jahrhundertwende nicht wenige Photokünstler diesseits und jenseits des Atlantik Alfred Stieglitz in New York, die photographierenden Gentlemen in Hamburg und Wien: Ihnen lag die Kunst am Herzen und als Filter vor der Linse des als Pinsel begriffenen Apparates. Die Wiener, allen voran Heinrich Kühn, wollten jedes bildmäßige Herausformen als einen Steigerungs- und Vereinfachungsprozeß auf jene Stilform hin verstanden wissen, die als Form dem Autor entspricht. Was dabei herauskam, ist jetzt Photo-Geschichte, rar, wenig zu sehen, wenig publiziert. Um so besser, daß im Moment beides anzutreffen ist: Die Originalbilder von Heinrich Kühn in einer Ausstellung in Innsbruck (Galerie Bloch bis 14. August) und ein Buch mit 91 Abbildungen. Die ausgesuchten Bilder treffen die Sache, wenn auch zu bemerken ist, daß die schönsten Farbbilder im Museum für Kunst und Gewerbe (Hamburg) sowie im Folkwangmuseum (Essen) für das Buch scheinbar nicht gewollt oder nicht greifbar waren. Der begleitende Text dagegen lebt nicht von der Würze, die in der Kürze liegen kann: Mehr Fakten, mehr die Zeit mit Einbeziehendes, kurz, mehr Informationen, über die facettenreiche Person Heinrich Kühn (1866 bis 1944) würden das Buch zu einem größeren Vernügen machen. (Heinrich Kühn: „Photographien“; Allerheiligenpresse Innsbruck, 1978; 210 S., 91 Abb., davon 16 Farbe, 23,5 × 24 cm, 47,– DM.) Norbert Denkel