Von Viola Roggenkamp

Die Binsenweisheit, daß wer A sagt, auch B sagen muß, hat im internen Sprachgebrauch der Zentrale der Wiederaufbereiter für Kernbrennstoffe in Hannover eine eigene Interpretation bekommen. Ist dort von "Atommülldeponie" die Rede, wird auch gleich an Bernstorffs gedacht – mit finsteren, wenig schmeichelhaften Gedanken über das seit bald 300 Jahren im niedersächsischen Gartow an der Elbe residierende Grafengeschlecht. Was sonst nur in den Köpfen sogenannter Chaoten herumspuken soll, würde die "Deutsche Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen" (DWK) lieber heute als morgen praktizieren: Enteignung.

Andreas Graf von Bernstorff gehören über 600 Hektar im doppelt so groß gedachten "Entsorgungspark", wie die bei Gorleben geplante Deponie für hochradioaktiven Abfall nebst Wiederaufbereitungsanlage von der DWK Umweltsympathisch genannt wird. Sind es auch nur zehn Prozent seines Landbesitzes im Kreis Lüchow-Dannenberg, mag sich der Graf dennoch nicht davon trennen. Bei seiner Weigerung verhält er sich absolut im Sinn der Familientradition. Denn damit das große Ganze nicht wegen kleinlicher Erbstreitigkeiten auseinanderfalle, hatte sein Vorfahr Andreas Gottlieb Bernstorff 1720 Gartow zum Fideikommiß, Zum unveräußerlichen und unteilbaren Stammgut bestimmt.

Andreas Gottlieb hatte die politische Karriere aus Mecklenburg ins hannoversche Wendland gebracht. Unter dem um vieles älteren Königlich Groß-Britannischen Rat und Premierminister Bernstorff gab es für Kurfürst Georg auch als König von England wenig zu lachen. "Er muß ein ziemlich brutaler Kerl gewesen sein", glaubt Andreas, der heutige Graf. Dank Andreas Gottliebs antipreußischem Dickschädel war in England bereits von der "hannoverschen Junta" die Rede. Nachdem es endlich gelungen war, den 72jährigen in den Ruhestand zu versetzen, zog sich der als streng und intrigant berüchtigte Politiker mit der bitteren Bemerkung zurück, er werde nun in Gartow sich der Pflege seiner Obstbäume widmen. Was gar nicht stimmte. Als erstes baute er dort einen neuen Galgen, anschließend eine neue Kirche, und dann führte er die Milch- und Forstwirtschaft im Kreis ein, nachdem er zuvor das durch die Bülows "völlig heruntergekommene Schloß" (der Familienchronist) renoviert hatte.

Weil er zehn Minuten früher auf die Welt kam als sein Zwillingsbruder Cornelius, führt heute der 36 Jahre alte Diplom-Forstwirt Andreas Graf von Bernstorff die von Andreas Gottlieb übernommenen Besitzungen. Er ist Norddeutschlands größter Waldbesitzer sowie Herr über Fischerei- und Jagdrechte in der Samtgemeinde Gartow. Sehr zum Ärger des Gemeindedirektors, der die Pachtsummen lieber in der Gemeindekasse sähe.

Die Bauern selbst nehmen den Grafen kaum zur Kenntnis. "Man sieht ihn ja nur selten", denn die Entfernungen von Dorf zu Dorf sind groß. Mischt er sich mal beim Schützenfest unters Volk, wird er mit ausgesuchter Höflichkeit gegrüßt und ein bißchen länger angestarrt als notwendig. "Weil er ja nun mal ein Graf ist, obwohl man es ihm nicht ansieht."

Andere betrachten ihn, seine Frau, die 25jährige Gräfin Anna, und Sohn Fried als "liebenswerte Antiquität", So meint etwa die Gartower Gemeinderätin Alwine Abbass, in einer natürlich gewachsenen, unzerstörten Landschaft nähme sich ein leibhaftiger Graf samt Barockschloß ganz gut aus.