Zivilisten sollen jetzt die Karre aus dem Dreck ziehen

Von Horst Bieber

Simon Bolívar, einer der großen Führer in den südamerikanischen Befreiungskriegen gegen Spanien, stieß schon vor 150 Jahren den prophetischen Seufzer aus: „Lateinamerika ist unregierbar.“ Viele Jahrzehnte später bestätigte ein anderer Politiker, ein gottbegnadeter Demagoge und gewissenloser Machtjäger in Ekuador, die Einsicht Bolívars: „Man kann“, so resignierte Velasco Ibarra, „wohl gewählt werden, aber man kann nicht regieren.“ Das war und ist präzis das Dilemma des Halbkontinents; gewisse Teile der parlamentarischen Demokratie mögen funktionieren, aber die zivilen Systeme sind – bis auf wenige Ausnahmen – zu schwach, sich zu halten, sich gegen die Widerstände zu behaupten oder gar gegen diese Widerstände notwendige Reformen durchzusetzen. /

Die Unfähigkeit der zivilen Systeme hat immer wieder das Militär auf den Plan gerufen, das mit der Begründung, ein Chaos zu verhindern und die Ordnung zu restaurieren (und allzuoft auch ohne dieses Feigenblatt), die Regierung an sich riß. Die Offiziere besaßen in den Streitkräften das einsatzfähige Instrument, für das es keine zivile Entsprechung in Form einer „politischen Infrastruktur“ gab. Die freilich in den Jahren der Militärherrschaft auch nicht entstand; alle Hoffnungen, die Armee könne irgendwo zur „Schule der Nation“ werden, haben getrogen; die Offiziere haben sich bestenfalls als „Schulmeister der Nation“, aufgeführt.

Aber auch die ungewählten Militärs haben meist nicht besser regiert als die Zivilisten. „Von einer Feuerwehr kann man nicht erwarten“, spottete der Londoner Economist, „daß sie die Fabrik leitet, die sie eben vor dem Abbrennen gerettet hat.“ Manche Soldaten waren da anderer Meinung, und lange Jahre war Südamerika, fast ein Synonym für Militärdiktaturen; der verachtungsvolle Begriff „Bananenrepublik“ wurde auf mittelamerikanische Kleinstaaten gemünzt.

Natürlich wandelte sich im Laufe der Jahrzehnte auch die Militärherrschaft. Der caudillo, der brutal-rücksichtslose Chef einer ihm ergeben Truppe, wurde im Zuge der militärischen Professionalisierung vom spezialisierten Stabsoffizier abgelöst, und dieser Nur-General mußte wiederum dem militärischen Fachmann weichen, der neben seinem Handwerk noch andere Wissenschaften beherrschte – Geschichte, Geographie, Volkswirtschaft – oder sich (wie der brasilianische Generalspräsident Geisel) als Leiter eines großen Wirtschaftsunternehmens praktische Kenntnisse erwarb.

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