Hamburg

Der kleine Junge blickt aus großen kaffeebraunen Augen auf seine Lehrerin. Er weiß, daß er jetzt etwas sagen muß. Möglichst einen ganzen Satz. Seine Mitschüler und die Verkäuferin hinter dem Ladentisch des Obstgeschäftes warten. Er druckst noch ein wenig herum und dann hat er’s: „Ich heiße Banane.“ Er lacht erlöst und zeigt auf eine Staude.

Der Junge heißt aber Erkan und ist Türke. Zusammen mit acht anderen türkischen Kindern, einer Jugoslawin und sechs deutschen Kindern besucht er die „Vorlaufgruppe“ einer Hamburger Volksschule, eine Art Vorschule, die „Kinder aus soziokulturell benachteiligten Kreisen und Ausländerkinder drei bis vier Monate vor Beginn ihrer gesetzlichen Schulpflicht auf den Unterricht im ersten Schuljahr vorbereiten“ sollen. Nach dem Wunsch der Schulbehörde stehen auf dem Stundenplan: „Freies und didaktisches Spiel, musisches Tun, Gewöhnung an Sozialformen und Schaffung von natürlichen Sprechanlässen.“

Wie das in der Praxis aussieht, erzählt Erkans Lehrerin Hildegard Rumtorf: „Die meiste Zeit vergeht damit, den Kindern die simpelsten Redewendungen beizubringen, denn besonders die kleinen Türken sprachen kein einziges Wort Deutsch, als sie in die Gruppe kamen.“ Immer wieder: Ja, Nein, Danke, Bitte, Gib mir, Hol mir, Wie heißt Du, Komm her, Setz dich, Guck mal, Zeig mir, Ich möchte. Hildegard Rumtorf spricht nicht türkisch („Wie soll ich das noch schaffen bei einem vollen Stundenplan?“) und muß deshalb mit allen Mitteln der Anschauung arbeiten, um den Ausländerkindern verständlich zu machen, was sie da mit ihnen einpaukt. Sie benutzt Schaubilder, spielt Familie, läßt Puppen an- und ausziehen, geht mit der Gruppe in den Tiergarten oder zum Einkaufen. In solchen Situationen stellt sich dann heraus, was wirklich begriffen wurde. Ob die Kinder fähig sind, die Sätze „Ich heiße Erkan“ und „Ich möchte eine Banane“ zu unterscheiden.

In Erkans Gruppe lacht inzwischen keiner mehr über solche Fehlleistungen wie „Ich heiße Banane“. Die Probleme aber, die auf Grund unterschiedlicher Mentalität und Erziehung auftauchen, sind wesentlich schwieriger zu bewältigen. „So geschieht es immer wieder, daß ein streng religiös erzogenes Kind laut ‚iiiih, Schwein‘ schreit, wenn ein deutsches Kind sein Wurstbrot auspackt“, erzählt die Lehrerin. Ihr selbst ist es einmal passiert, daß ein türkisches Mädchen, das sich beim Spiel den Fuß verletzte, die Schuhe nicht ausziehen wollte, weil das offenbar ihre Erziehung verbot. Und auch das kommt nicht selten vor: Schüler machen sich in die Hose, weil sie sich die Frage „Darf ich aufs Klo“ nicht zu stellen getrauen. In der Türkei spricht man über „so etwas“ nicht.

Erkan wird am 4. September, eingeschult. Und mit ihm in diesem Jahr in Hamburg 4780 Türken, 1271 Jugoslawen, 1163 Portugiesen, 1058 Griechen, 823 Italiener, 629 Spanier und 2812 Kinder sonstiger Nationalitäten. Seit dem Ende der 50er Jahre stellt sich der Hansestadt das Problem, Ausländerkinder in das Schulsystem zu integrieren, denn Gastarbeiterkinder unterstehen der deutschen, Schulpflicht. Noch nie freilich drängten so viele Ausländerkinder auf die durch den Geburtenrückgang freigewordenen Schulbänke Hamburger Schulen. In Altona beispielsweise sind 50 bis 70 Prozent aller Schulanfänger Ausländer und in Wilhelmsburg an einzelnen Schulen sogar 90 und 100 Prozent.

Hans Joachim Schwenke, zuständig für die Betreuung der Kinder ausländischer Arbeitnehmer beim Hamburger Amt für Schule, erklärt diese im Widerspruch zum Anwerbestopp von 1973 und zur wirtschaftlichen Rezession stehende Entwicklung so: „Viele Arbeitnehmer holten ihre Familien nach Deutschland, seit es nur noch Kindergeld für in Deutschland lebende Kinder gibt. Zudem nehmen sie es mit der Schulpflicht genauer, seit die Erstattung des Geldes an eine Anmeldebescheinigung gekoppelt ist.“