The Kinks: „Misfits“. Wieder ein Beinahe-Konzept-Album der Kinks. Es handelt von Menschen, die weder der schweigenden Mehrheit angehören noch zu jenen modisch orientierten Faxen zählen, über die sie vor vielen Jahren einmal gesungen hatten. Der misfit des Titelsongs ist Raymond Douglas Davies selber, und als ebensolchen versteht er auch den Jungen in „Hay Fever“, dem seine Freundin den Laufpaß gibt, weil er Heuschnupfen hat und deswegen nicht mit ihr zum Tanzen ausgehen kann; den Steuerflüchtigen aus „In A Foreign Land“, der sich in eine mittelamerikanische Bananenrepublik zurückzieht; den versponnenen Rockfan aus „A Rock ’n’ Roll Fantasy“; und den Mann in „Out Of The Wardrobe“, der nach dreizehn Jahren Ehe seine Liebe zu Frauenkleidern entdeckt und diese Vorliebe als Transvestit auch ausleben will. Die Zeiten sind auch für den Rock-Clown Ray Davies härter geworden. Klassische Pop-Refrains fallen ihm nicht mehr so leicht ein wie früher. Und den Komiker zu spielen, wo etablierte Sozis von links und die rechtsradikale „National Front“ von rechts, Punk-Idole und Rasta-„Führer“ Britanniens weißen Mittelklasse-Kindern das Denken abnehmen wollen, macht wohl nicht mehr soviel Spaß. „Misfits“ ist die Antwort eines erschreckten und leicht ratlos gewordenen Rock-Clowns. (Arista 1 C 064–61007) Franz Schüler

Ärgerlich

„Es löscht das Meer die Sonne aus“. „18 Damen und Herren vom Chor der Württembergischen Staatstheater wollen mit ihren Stimmen auf dem Gebiet der europäischen Folklore zu einem Markenartikel werden.“ So steht es auf der Plattentüte geschrieben. Es hat den Anschein, als habe der verlockende Markt, auf den sie nun geworfen worden sind, allesamt taub gemacht gegen ihren Artikel „Volkslied“, gegen sich selbst und vor allem gegen denjenigen, unter dessen Namen sie sich begeben haben: Harry Pleva. Diesem im Plattentext enorm gerühmten Chorleiter gelingt es, aus achtzehn sicherlich nicht gesangsunkundigen Berufssängern einen Chor von schmachtenden Laien zu machen. Schwer, genug böse Worte gegen diese Veranstaltung zu finden, die nicht volkstümlich, sondern vulgär ist: der Gesang unpräzise und schleppend; die Stimmen wie in einem dicken Eintopf legiert; das Temperament sentimental und träge; das Arrangement des Begleitorchesters von einer rüde berechnenden Einfalt; die Aufnahme dilettantisch. Die Höhepunkte dieses Folklore-Programms heißen „Die Himmel rühmen“ (mit Orchester!) und das Deutschlandlied, dritte Strophe, Löscht der Markt diese Sonne aus?