Von Gerhard Comelli

Menschen, die in Kontakt miteinander treten, bilden sich Urteile über ihr Gegenüber. Und schon immer waren Menschen daran interessiert, etwas über diesen Eindruck, den sie bei anderen hinterließen, zu erfahren. Ist doch der Vergleich des Bildes, das ich von = mir selber habe, mit dem, das andere über mich gewinnen, nicht ohne Reiz. Allerdings auch nicht ganz ohne Überraschungen. Diskrepanzen zwischen Selbstbild und Fremdbild sind meist die Regel. Und zu erfahren, daß ich als „engagierter Manager“ (= Selbstbild) von meinen Mitarbeitern als „dominant und im Team erdrückend“ (= Fremdbild) empfunden werde, ist sicherlich schmerzlich und kratzt am Selbstwert trauen. Allerdings gibt mir eine solche Rückmeldung auch eine Chance: Sie ist ein Fingerzeig für notwendige Veränderung und erklärt mir vielleicht längst bemerkte Kommunikationsstörungen bei Besprechungen.

Für Unternehmen ist es fast schon eine Selbst-Verständlichkeit, von Zeit zu Zeit zu untersuchen, wie sie vom Konsumenten gesehen werden. Schließlich richtet der Konsument sein Verhalten nach diesem Image ein (nicht danach, wie die Firma sich selber sieht!). Auch Politiker lassen testen, wie sie „draußen ankommen“ und ändern Garderobe, Frisur und Brille, wenn’s darum geht, bei potentiellen Wählern eine gute Figur zu machen. Vorgesetzte tun sich da – zumindest in Deutschland – bedeutend schwerer. An den Fingern einer Hand sind die deutschen Unternehmen abzuzählen, die ihren Mitarbeitern die Möglichkeit geben, ihren Chef zu beurteilen.

Mit der Idee der Vorgesetzten-Beurteilung durch die Mitarbeiter löst man bei vielen Vorgesetzten bis hinauf zu den Vorstandsetagen zunächst Abwehr aus. Angst? Unkenntnis? Oder paßt es einfach nicht ins Bild, daß in einer durchweg hierarchisch strukturierten Betriebswelt, die nicht selten von „gehorsamen“ Mitarbeitern lebt, den „Untergebenen“ sogenannte „Kritik“ am Vorgesetzten gestattet ist?

„Was meine Mitarbeiter von mir denken, ist mir völlig egal! Mich interessiert nur, was der Aufsichtsrat von mir hält!“ Ist diese Äußerung des Vorstandsvorsitzenden einer deutschen Bausparkasse typisch für Vorgesetzte? „Eine Pose!“ nennt Otto Daniel, Personalvorstand der Esso AG in Hamburg, diese Einstellung. Daniel gilt als kompetenter Mann. Schließlich hat er sich in seinem Hause persönlich für die Einführung der Vorgesetzten-Beurteilung eingesetzt, in die nicht nur er, sondern alle seine Vorstandskollegen eingeschlossen sind.

Seit immer mehr Unternehmen dazu übergehen, die Mitarbeiter-Beurteilung einzuführen (also die Beurteilung des Arbeitsverhaltens des Mitarbeiters durch den Chef), ist es an sich nur konsequent, auch dem Chef eine Rückmeldung durch seine Mitarbeiter zukommen zu lassen. Versuche in dieser Richtung kennt man seit vielen Jahren aus den verschiedensten Organisationen und Ländern. Jede Mitarbeiterbefragung, jede Betriebsklima-Untersuchung, jede Organisationsdiagnose fördert unter anderem auch Fakten über mehr oder minder geschicktes Führungsverhalten zutage.

Allerdings ist die Esso AG in Deutschland wohl derzeit die einzige Firma, welche die systematische Beurteilung von Vorgesetzten an Hand eines dafür konzipierten Fragebogens praktiziert. Als man vor etwa vier Jahren bei den obersten Führungskräften auf freiwilliger Basis damit begann (von 130 gefragten Vorgesetzten beteiligten sich 128), da hielte es Anfragen aus aller Welt. Fast 300 Unternehmen und Institutionen – eingeschlossen eine Anfrage der Uno – bekundeten ihr Interesse.