In den Börsensälen hat sich ein deutlicher Szenenwechsel vollzogen. Während längere Zeit bei der Auswahl zu kaufender Aktien die bei ihnen nachhaltig erzielbare Rendite ausschlaggebend war, ist seit dem Bonner Wirtschaftsgipfel die Wachstumsphantasie kursbeeinflussend geworden. Leidtragende dieses Trends sind die Aktien der Versorgungsindustrie, die in den vergangenen Monaten als sichere Renditebringer eine Vorzugsstellung eingenommen hatten.

Der Bonner Wirtschaftsgipfel hat das Börsenklima in der Bundesrepublik nachhaltiger gewandelt, als vor der Konferenz erwartet worden war. Für die Anleger stellt sich die Situation jetzt so dar:

Die Bundesregierung wird zur weiteren Konjunkturbelebung 13 Milliarden Mark sowohl über Steuererleichterungen als auch über direkte Zuschüsse mobilisieren. Das wird den Konsum und die Unternehmenserträge stabilisieren oder sogar verbessern.

Der Nachteil: Einnahmeausfall und zusätzliche Ausgaben werden die öffentliche Schuldenlast weiter erhöhen, auch wenn ein Teil der Mehrausgaben über die Erhöhung der Mehrwertsteuer wieder hereingeholt werden könnte. Der höhere Kapitalbedarf der öffentlichen Hände macht den Kapitalmarkt für Zinserhöhungen empfindlich.

Schließlich: Ausweichende Antworten des Bundeskanzlers in dem ZEIT-Interview (erschienen in Nr. 30) zur Geldwertstabilität haben in Anlegerkreisen die Auffassung gestärkt, daß für die Bundesregierung jetzt Wachstum vor der Verteidigung der Geldwertstabilität rangiert. Kurzum – die Inflationsangst wächst. Und damit das Interesse für Aktien, Gold und Immobilien. Die Preise für alle drei Kategorien weisen logischerweise einen steigenden Trend auf.