Von der Entspannung ist wenig geblieben

Von Marion Gräfin Dönhoff

Washington, im Juli

Ob wohl der Gipfel in Bonn die Europäer daheim mit neuer Zuversicht erfüllt hat? Der deutsche Botschafter in Washington meinte nach seiner Rückkehr: „Die Landschaft gleicht jetzt nicht mehr einem Minenfeld, sondern eher einem Garten, in dem jeder die Gräben und auch die Gruben kennt.“ Er hat sicher recht. Die transatlantischen Beziehungen sind entspannter, sie sind wieder selbstverständlicher geworden. Aber was wird aus der großen Entspannung, der Détente zwischen Ost und West?

Wer heute in Amerika herumreist, den kann nur äußerster Pessimismus erfüllen. Die Stimmung ist so gefühlsgeladen, daß einem angst und bange wird. Der Prozeß des allgemeinen Hochschaukelns, der hier begonnen hat, kann in einem Wahljahr – im Herbst werden der ganze Kongreß und ein Drittel des Senats neu gewählt – nur noch zunehmen. Die Regierung hat die Frage der Menschenrechte – der Human Rights – angeheizt, Presse und Fernsehen bringen täglich neue Schlagzeilen und Bilder über die Prozesse von Schtscharanskij und Ginsburg; Frau Schtscharanskij wird von Senatoren und Kongreßabgeordneten umworben, gibt Interviews und reist im Lande umher; der Präsident verbietet die Lieferung des großen Computers an die sowjetische Nachrichtenagentur TASS und unterwirft den Export der in der Sowjetunion dringend benötigten Spezialgeräte zur Ölförderung neuen Beschränkungen.

Ich erlebte, wie ein demokratischer Senator, ein als liberal bekannter Mann, bei einer Diskussion forderte, man solle Außenminister Vance nicht nach Genf zu den Salt-Verhandlungen reisen lassen, weil am selben Tag der Prozeß gegen Schtscharanskij beginne; man müsse es den Russen doch endlich einmal zeigen. Und Senator Wendell Anderson, Demokrat aus Minnesota, schrieb einen Brief, in dem er gegen die Teilnahme Amerikas an den Olympischen Spielen in Moskau polemisierte. Überall im Publikum wird der Schrei nach Rache laut.

Es ist nicht nur die Menschenrechtsdiskussion, die so viel Aufregung erzeugt; anderes kommt hinzu. Man ist enttäuscht von Carter, der doch nach Watergate einen ganz neuen Anfang hatte setzen wollen, und der inzwischen ein Drittel seiner Anhängerschaft verloren hat. Seit Truman war noch nie ein Präsident nach 18 Monaten in seiner Popularität so tief gesunken. George Will schrieb anläßlich des präsidentiellen Einspruchs gegen die Steuersenkung in der New York Times: „But that is just more Carter talk, generally discounter – aber das sind Carter-Sprüche, die im allgemeinen nicht für voll genommen werden.