Ums neue Hamburger Schulgesetz ging es, das – wie die Schulgesetze anderer Bundesländer – die Gemüter erregte. Die Mißstände der laufenden Praxis, so wurde kritisiert, würden damit festgeschrieben werden: der seelische Druck durch Prüfungen und Zensuren, der Unterrichtsstil, der dem Recht der Schüler auf individuelle Entwicklung ihrer Fähigkeiten Hohn sprach. Eine Art Numerus clausus drohte nun auch schon den Weg zum Abitur zu verbauen.

Zur Gegenwehr rief eine „Initiative landesweiter Schulstreik“ auf, und Jochen H., damals 19 Jahre alt, das Abiturzeugnis eben in der Tasche, also selbst nicht mehr betroffen, machte die Sache zu seiner eigenen. Er verteilte Zettel und griff zum Megaphon. Vielleicht pinselte er auch Parolen an Schulwände.

Ein Jahr später, fast auf den Tag genau, muß Jochen H. deswegen vor dem Bezirksjugendgericht erscheinen. Ein Schulleiter nämlich hat sich nicht – wie seine Kollegen – damit begnügt, das Amt für Schule über die Ölfarbe an den Mauern zu informieren. Er hat Jochen H. auf dem Schulhof ergreifen lassen, ihn in der Hausmeisterloge festgesetzt und die Polizei gerufen. Die Polizei hat dann dem Fall den Rahmen gegeben, der ihm ihrer Meinung nach gebührte – den politischen.

Die Vorwürfe des Staatsanwalts, eines Vertreters des politischen Ressorts, wie sich nun schon von selbst versteht: Jochen H. habe widerrechtlich auf dem Schulgelände verweilt und sich trotz einer entsprechenden Aufforderung des Berechtigten nicht entfernt. Ferner habe er rechtswidrig eine fremde Sache beschädigt.

Erste Kernfrage des Verteidigers – er erscheint ohne Krawatte und ist daran leicht als „linker Anwalt“ zu erkennen: Wie sollte sich Jochen H. auf die angebliche Aufforderung hin vom Schulgelände entfernen, da er doch unter Anwendung von Zwang in die Hausmeisterloge gebracht wurde?

Zweite Kernfrage: Ist es zweifelsfrei erwiesen, daß Jochen H. die Mauern beschmiert hat, und zwar nicht nur diese Mauern, sondern auch die anderer Schulen, was ihm ebenfalls vorgeworfen wird?

Die erste Frage beantwortet sich nach den Regeln gemeiner Logik; die zweite verlangt kriminalistisches Feingefühl: Niemand hat gesehen, daß H. die Wände bemalte, aber die Polizei hat seine Lederjacke sichergestellt, und an ihr fanden sich Farbspuren. Daraufhin wurden Farbproben von den Wänden gekratzt und mit der Jacke zusammen keiner geringeren Instanz als dem Bundeskriminalamt in Wiesbaden überantwortet. In Wiesbaden wurden mikrochemische Tüpfelanalysen, Laser-Micro-Spectral-Analysen und elektronenmikroskopische Untersuchungen angestellt, woraus sich ergab, daß die zu vergleichenden Stoffe „in physikalischer und chemischer Hinsicht“ übereinstimmten.