Mit scheinbarer Gelassenheit begaben sich Japaner und Chinesen am vorigen Freitag nach dreijähriger Pause wieder an den Verhandlungstisch, um den längst fälligen Friedens- und Freundschaftsvertrag abzuschließen. Sie ließen sich viel Zeit. Zwei Wochen lang mußte die japanische Regierung warten, ehe die chinesische Seite sich bemüßigt fühlte, auf die weite vom 31. Mai zu antworten. Mehrmals war der Auftakt verschoben worden: Erst mußte der chinesische Vizeaußenminister wegen eines Geschwürs am Zwölffingerdarm ins Krankenhaus, dann kam der Wirtschaftsgipfel in Bonn dazwischen. Vor allem den Japanern schienen solche Verzögerungen gar nicht unerwünscht. Wer hätte es ihnen auch nach dem Säbelgerassel der Russen und dem ebenso provozierenden Großmachtsgebaren der Chinesen verdenken wollen? In Wirklichkeit eilt es beiden Regierungen mit dem Abschluß.

Der japanische Ministerpräsident Fukuda möchte bei den Parteivorstandswahlen der Liberaldemokraten gegen Jahresende mit einem außenpolitischen Erfolg abtreten oder, wie seine Rivalen fürchten, mit der „chinesischen Trumpfkarte“ seinen Führungsanspruch in Partei und Staat erneuern – seine chinesischen Gegenspieler, Parteichef Hua Kuo-feng und sein Stellvertreter Teng Hsiao-ping, beunruhigt durch den kalten Zweifrontenkrieg mit Sowjets und Vietnamesen, wollen das reiche Japan in ihre weltweite antihegemonistische Einheitsfront gegen Moskau einbeziehen. Außerdem brauchen beide Seiten dringend eine solide Grundlage für das schon im Februar in Aussicht genommene große Tauschgeschäft: moderne japanische Technologie gegen Kohle und Öl aus China.

Unsichtbar mit am Tisch sitzen Russen und Amerikaner. Ohne amerikanische Rückendeckung hätte es sich Japan zweimal überlegen müssen, ob es eine lang dauernde Verärgerung der Sowjetunion riskieren soll. In den letzten Monaten haben es die Sowjets nicht an massiven Drohungen fehlen lassen. Partei- und Staatschef Breschnjew unternahm eine spektakuläre Reise zu seinen Streitkräften nach Fernost, um nicht nur die Chinesen, sondern auch die Japaner und die Amerikaner einzuschüchtern. Dann ließ er in Tokio eine Protestnote gegen das japanischchinesische Techtelmechtel überreichen und zugleich die gemeinsamen Fischereiprojekte stoppen. Als die nichts verschlug, fuhr die sowjetische Flotte nördlich und südlich der japanischen Küsten ins Manöver. Weitere „Gegenmaßnahmen zur Verteidigung ihrer Interessent hat die Sowjetunion schon im voraus angekündigt.

Stein des Anstoßes für Moskau ist die sogenannte Antihegemonier-Klausel, die auf chinesischen Wunsch in den Friedensvertrag mit Japan aufgenommen werden soll. Sie besagt, daß beide Länder auf die Vorherrschaft im asiatischpazifischen Raum verzichten und sich allen Ländern oder Staatenblocks widersetzen wollen, die ihrerseits eine Hegemonie anstreben. Als Vorbild dient das berühmte Kommuniqué, das Präsident Nixon und Tschou En-lai 1972 in Schanghai unterzeichneten. Als ein halbes Jahr später der japanische Ministerpräsident Tanaka nach Peking antrat und, anders als die Amerikaner, sogleich volle diplomatische Beziehungen mit China eröffnete, wurde eine solche Absichtserklärung als Artikel 7 in die gemeinsame Erklärung hineingeschrieben. Erst allmählich dämmerte es den japanischen Staatsmännern, daß China diese Antihegemonieformel als Propagandawaffe gegen die Sowjetunion benutzen wollte. Sie trachteten, von dieser Formel wieder herunterzukommen – mit dem einzigen Erfolg, daß seit 1975 die Friedensvertragsverhandlungen in der Sackgasse stecken.

Eigentlich könnten die Japaner ohne Friedensvertrag ebensogut leben wie ihre einstigen deutschen Verbündeten. Die Beziehungen mit Peking sind normal, der Handel blüht. Als die Nachfolger Maos ihr gigantisches Industrialisierungsprogramm ankurbelten und nach Hilfe aus der „westlichen“ Welt ausschauten, griffen die Japaner mit beiden Händen zu, zumal sich die europäischen Märkte mehr und mehr gegen den Strom japanischer Waren sperrten. Japanische Geschäftsleute, Banker und Militärs (als Lobbyisten der Rüstungsindustrie) bevölkerten die Hotels in den chinesischen Großstädten. Im Februar brachte eine „private“ Gruppe ein 20-Milliarden-Handelsabkommen unter Dach und Fach, das den Japanern auf dem chinesischen Markt für die kommenden acht Jahre einen großen Vorsprung gibt. Schon in diesem Jahr hat China die Einfuhr von Maschinen und Industrieanlagen aus Japan mehr als verdoppelt – von zwei auf. über vier Milliarden Dollar. Es will dafür hauptsächlich, mit Erdöl bezahlen. Allerdings gibt es noch hemmende Differenzen über die beste Art der Finanzierung – ein Freundschaftspakt könnte das Geschäftsklima aufbessern.

Der eigentliche Impuls für die neuen Verhandlungen ging jedoch von der japanischen Innenpolitik aus. Im Frühjahr hätten die Vertragsgegner in der Regierungspartei um ein Haar die ganze Sache torpediert, als sie der Regierung einen Beschluß aufnötigten, Japan solle auf den Sengaku-Inseln – winzigen, doch erdölverdächtigen Eilanden im Ostchinesischen Meer – einen Hubschrauber-Landeplatz und einen Nothafen anlegen, um seinen Anspruch zu erhärten. Die Regierungen in Peking und auch in Taipeh betrachteten jedoch diese Inselkette als traditionell chinesisches Territorium, das Japan sich widerrechtlich angeeignet habe. Peking reagierte unerwartet heftig; Es schickte eine Flotte von 140 Fischereibooten, einige mit Maschinengewehren bestückt, in die umstrittenen Gewässer. Die aufschäumende nationale Empörung in der japanischen Öffentlichkeit muß jedoch China ebenso überrascht haben. Jedenfalls wurde das Ganze von beiden Seiten alsbald als bloßer „Zwischenfall“ abgehakt.

Inzwischen hat Premier Fukuda den Friedensvertrag zum Vehikel seiner eigenen Interessen erkoren. Man muß wissen, daß sein Rivale und Nachfolger in spe, Partei-Generalsekretär Ohira, seinerzeit als Außenminister die Aussöhnung mit Peking vorangetrieben hat, also nun schlechterdings nicht opponieren konnte. Mindestens vier Alternativen haben seine Liberal-Demokraten als Ersatz für die alte Antihegemonie-Formel zurechtgezimmert – es sollen weder die Chinesen noch die Russen vor den Kopf gestoßen werden. Wenn die Chinesen hartnäckig bleiben, könnten die Verhandlungen zwar rasch wieder stagnieren. Doch die Japaner, unter ihnen Außenminister Sonoda und vermutlich auch der Premier, möchten die Verhandlungen „ohne Unterbrechung“ und „unter allen Umständen“ zum Erfolg führen. Es wäre der erste Schritt zu einer unabhängigen, nicht länger vor der Sowjetunion kuschenden Außenpolitik.

Teng Hsiao-ping ist ihnen schon entgegengekommen: Er berief sich auf die tausendjährige gute Nachbarschaft, und kulturelle Verflechtung der beiden Länder. Was in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts gewesen, wolle China vergessen. Mao Tse-tung, auf seine pfiffige Art, war sogar noch weiter gegangen. Er verbat sich die Entschuldigungen japanischer Freunde für den Überfall auf China: „Wenn Eure kaiserliche Armee nicht gewesen wäre, hätten wir Kommunisten nicht die Macht ergreifen können. Verzeihung ist da nicht nötig!“