Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Juli

Alle paar Monate wieder gibt es Gerüchte, daß Gespräche über den Austausch des Kanzleramts-Spions Günter Guillaume und seiner Ehefrau Christel im Gange seien. Die Bundesregierung hat häufig genug nachdrücklich versichert, an eine vorzeitige Freilassung des zu 13 Jahren Haft verurteilten Guillaume sei nicht zu denken. Die Frage ist: Gilt das einmal Gesagte noch, oder hat sich – nachdem die Guillaumes über vier Jahre in Haft sind – die Situation so gewandelt, daß das früher Undenkbare allmählich denkbar wird? Nach einigem Zögern wurden in Bonn auch diesmal wieder die Berichte über einen möglichen Austausch "in den Bereich der Fabel" verwiesen.

Bisher hat aber noch kein DDR-Spion in der Bundesrepublik seine Strafe voll abgesessen; manch einer wurde schon vor seinem Prozeß ausgetauscht oder abgeschoben. Der Fall des Spions, im Kanzleramt, der immerhin eine Regierung stürzte, ist allerdings’so eklatant, daß es zu ihm keine Parallelen gibt. Doch so groß die Erbitterung über Guillaume und seine Ost-Berliner Hintermänner auch sein mag – völlig ausgeschlossen ist sein Austausch nicht. Deshalb wird nicht so sehr abzuwägen sein, ob er vorzeitig freikommt oder nicht, sondern wann und zu welcher Gegenleistung.

Einerseits wird Guillaume einen gehörigen Teil seiner Strafe absitzen müssen, andererseits hat er als Austauschobjekt für die DDR immer weniger Wert, je näher seine Entlassung rückt. Bei Günter Guillaume ist es bis dahin noch eine lange Zeit, theoretisch hätte er noch gut acht Jahre abzubüßen. Seine Frau, die zu acht Jahren Haft verurteilt wurde, hat aber in einem Jahr zwei Drittel ihrer Strafe hinter sich – eine Zeit, nach der normale Strafgefangene auf Bewährung freigelassen werden können.

Hinzu kommt, daß Günter Guillaume offenbar schwer erkrankt ist; seine Anwälte sprechen von einem bedrohlichen Nierenleiden. Seiner Ehefrau soll es ebenfalls nicht gut gehen. Wie lange aber kann man kranke Menschen im Gefängnis behalten; wäre es da nicht besser, auszutauschen?

Der Spionenaustausch ist ein mittlerweile eingespieltes Verfahren. Seit der amerikanische U-2-Pilot Gary Powers und der Sowjetagent Rudolf Abel im Februar 1962 auf der Glienicker Brücke in Berlin aus verschiedenen Richtungen auf den Grenzstrich zuliefen wie in einem schlechten Krimi, ist. der eiserne Vorhang für politische Häftlinge aller Art durchlässiger geworden. Die Übergabeorte wechseln; die Unterhändler sind meist die gleichen: der West-Berliner Rechtsanwalt Jürgen Stange und sein Ost-Berliner Kollege Wolfgang Vogel. Sie vermitteln Spione wie Lonsdale, Frenzel oder Felfe, erreichen die Freilassung von Bürgerrechtlern und Oppositionellen, organisieren den Freikauf von politischen Häftlingen und die Familienzusammenführung.