Von Fritz J. Raddatz

Zum Jubel kein rechter Anlaß. Was der DDR-Germanist Friedemann Berger, seit 1977 Cheflektor des Kiepenheuer-Verlages in Leipzig und Weimar, aus einem Nachlaßkoffer ans Tageslicht gehoben hat, ist sicherlich nicht mehr als ein längliches Aperçu; für Joseph-Roth-Philologen wohl sensationell, für Liebhaber der Literatur eher entbehrlich, für Roth-Kenner skeptische Reserven gar bestärkend: das nachgelassene Roman-Fragment "Perlefter – Die Geschichte eines Bürgers".

Dieses "Fragment eines Romans" ist eine Skizze, eine Finger- und Federübung, eine Studie zum jüdischen Kleinbürgertum. Perlefter – der neureiche Assimilant, der kein Credo kennt, nur Kredit, und keine Haltung, nur beschränkte Haftung; Repräsentant jener Schicht, die bald nur allzu gerne die Circumcision gegen das Hakenkreuz eingetauscht hätte und die Anstand stets mit jener Anständigkeit verwechselt hat, die Puff-Adressen nur versteckt notiert: "In verschiedenen Städten kannte Herr Perlefter die Adressen alleinstehender Damen, die als Masseusen, Hebammen und Besitzerinnen von Schönheitssalons in Betracht kamen. Die Adressen notierte Herr Perlefter in Abkürzungen, die kein Fremder entziffert hatte, in seinem ledernen Taschenkalender, auf die vorletzte Seite, knapp hinter den Israelitischen Feiertagen. In jeder Stadt hatte Perlefter ein bestimmtes Hotel, einen ganz bestimmten Friseur, eine ganz bestimmte Leidenschaft. Er zahlte gern und mäßig. Immerhin mußte er es über sich bringen, die Dame in ein Theater, ein Konzert, ein Kino, eine Oper einzuladen, um das Abenteuer vollkommen zu gestalten."

Ein hübsch boshaftes Feuilleton also, wie wir es im "Herrn Wendriner" schärfer gelungen, weil kondensierter, kennen und lieben. Der imitierte Salon und die an den nächstreichen Fabrikanten zu verkuppelnde Tochter und der zu Pferd aufsteigende Sohn: bekannte Figuren, bekannte Larven, bekannte Konstellationen. Der Perfektionist Joseph Roth hätte es vermutlich nie veröffentlicht, wiewohl es – da hat der Herausgeber mit seiner Nachbemerkung recht – eine Illustration zum Selbstbildnis Joseph Roths ist, der sich im Gegensatz zu seinem Verleger Kiepenheuer so charakterisierte: "Er ist ein Idealist, ich bin ein Skeptiker. Er ist ein Optimist, ich ein Pessimist."

Die kleine, eher periphere Publikation ist Anlaß, solche Positionen und Bestimmungen zu überprüfen. Das Gesamtwerk liegt vor, die Briefe, eine umfangreiche Biographie. Was haben diese vielen tausend Seiten produziert – ein Monument? Ein Schemen? Eine neue Legende?

Die Biographie "Joseph Roth" von David Bronsen bietet nichts von alledem. Es ist wie bei einem Porträtzeichner von lediglich akademischer Qualität; er gibt die Haltung der Hände wieder, die Bügelfalte der Hose, die Haartracht, aber nicht den Menschen. Man kennt solche Bilder: Die Augen bleiben tot. Was der in Amerika lehrende Literaturwissenschaftler David Bronsen hier geleistet hat, ist eine enorme germanistische Fleißarbeit, das penible Zusammentragen unendlichen Materials, die Wiedergabe von Interviews, Briefwechseln, Erinnerungen vieler Zeitgenossen – und trotzdem, was entstanden ist, ist nicht mehr als ein blasses Bild.

Man spürt zwar allenthalben eine faktenbesessene Neugier, eine Sammel-Leidenschaft und den Stolz, hinter den sprichwörtlichen Rothschen Legenden, die er um die eigene Biographie web, die Wahrheit hervorgegraben zu haben. Nun weiß man also, daß der Geburtsort des Joseph Roth in Wahrheit 20 Kilometer entfernt von dem Ort liegt, den er seit seinem Umzug nach Wien stets angab. Nun weiß man auch, daß er Leutnant war, daß das Schicksal seines Vaters anders als von ihm beschrieben verlief und daß er keineswegs, wie stets in seinen jammervollen Bettelbriefen angegeben, "einen halben Negerkral" zu versorgen hatte, sondern vielmehr seine langjährige Lebensgefährtin Manga Bei durchaus wahrnehmbare Schecks von ihrem Mann aus Afrika empfing, durch die die Erziehung ihrer beiden Kinder wohl gesichert war. Gut. Aber was weiß man dann? David Bronsen ist es nicht gelungen, das Gauklerische, Zerbrochene, tänzerisch Equilibristische des Schriftstellers Joseph Roth lebendig zu machen. Kein Farbsprühen, kein Temperament geht auf den Leser über – es ist wie der Golem, von dem Egon Erwin Kisch in seiner köstlichen Geschichte berichtet: toter Lehm, dem kein Leben eingehaucht ist, und an keiner Stelle dieser 600 Seiten hat man das Gefühl, der Autor sei ergriffen von der Figur, die er beschreibt; eben das ist es: er beschreibt, er schreibt nicht. So bleibt es ein Buch ohne Atem – nicht atemlos, aber atemleer; es hat den Charme einer Registrierkasse.