Die Sonne schien prächtig über Ottawa, der kanadischen Bundeshauptstadt. Auf den superben Autos amerikanischer Produktion, die an der Straße zum Regierungshügel parkten, stand: „Ontario“ – keep it beautiful!“ Das steht zwar das ganze Jahr an den Blechs mit den Kennzeichen. Aber diesmal traf das Wort „beautiful“ besonders zu. Beautiful, so glänzte die Sonne bei erfrischender Brise, die vom Ottawa-Fluß heraufwehte. Und beautiful tönte das Glockenspiel vom Turm des Parlamentsgebäudes, das samt den übrigen Regierungspalästen eine wohlgelungene Nachbildung der überprächtigen altenglischen Gotik aus London ist.

Alles so proper. Auch war ein Reiter in rotem Uniformrock zu sehen, und Mann und Roß schienen dem Bleisoldaten-Kasten eines Ladens für brave Kinder entsprungen. Der Geist der Queen Victoria schwebte über festen Mauern und Pflastersteinen. Noch eine Farbe mehr in dieses Kaleidoskop, noch etwas mehr des Duftes von Jasmin, und die Grenze zu jenem Wunderland wäre überschritten, in dem es heißt: „Kitsch is beautiful.“

Just bei diesem Gedanken angekommen, sah ich – „mit Auftritt von links“, wie es in der Bühnensprache heißt eine Prozession von hellblau gekleideten Nonnen näherkommen. Im Gänseschritt, eine hinter der anderen. Sie schienen jung und fromm (Eigenschaften, die ja heute selten zusammentreffen). Sie trugen Schilder in den Händen, weiße Plakate, die auf der einen Seite Worte wie „Liberty“, auf der anderen aber „Liberté“ führten, weil Kanada offiziell ja zweisprachig ist.

Aber nein, es war keine Prozession. Es war eine Demonstration, eine „Mani“. Und zwar manifestierten diese etwa dreißig hellblauen Nonnen für sechzehn Mitschwestern und Mitbrüder, die in Guadeloupe von einem traurigen Schicksal ereilt worden waren. So ging es jedenfalls aus Flugblättern hervor, die man in die Hand gedrückt bekam.

Da ist – so stand zu lasen – in Frankreich immer von Liberté, Egalité, Fraternité die Rede. Aber was geschah im französischen Guadeloupe an sechzehn, aus Quebec stammenden teils männlichen, teils weiblichen „Aprôtres de l’Amour infini“? Einer, nämlich Père Jean-Gregoire sei verhaftet worden, und der Bischof des Landes, Monsignore Qualli, habe in der Kathedrale von Pointe á-Pitre, der Hauptstadt der Insel, während seiner Predigt ausgerufen, der Pater werde wohl den Rest seiner Tage im Kerker verbringen. Und weil der Bischof gute Beziehungen zum Papst habe und dieser wiederum zu den weltlichen Oberen auf der bewußten Antillen-Insel, so sind alle sechzehn „Apostel der unendlichen Liebe“ des Landes verwiesen worden.

Es ist hier offensichtlich ein Streit zwischen Katholiken ausgebrochen. Wie die Dinge auch liegen mögen, die „unendliche Liebe“ ist gestört, und die aus Quebec stammenden Nonnen demonstrieren in Ottawa, weil dies ihre kanadische Hauptstadt und weil das Demonstrieren, Manifestieren, Marschieren eine moderne Sitte geworden ist.

Die Glocken läuteten, die Sonne schien über Ottawa, Missionare wurden, in Rhodesien mit Beilen erschlagen, vietnamesische Truppen fielen in Kambodscha ein, in Versailles legten Terroristen ein Bombenei ins Schloß.

Doch die hellblauen Schwestern demonstrierten so hübsch, daß ich unwillkürlich an eine Operette von Eduard Künnecke denken muß. Sie hieß „Die hellblauen Schwestern“ und war wie dieser Tag in Ottawa: Beautiful, very beautiful.