Von Elke Kummer

Was verstehen Sie unter verrohrten? Was meinen Sie mit strafen? Wie finden. Sie heraus, welches das richtige Maß ist? Was heißt, keinen Zwang antun? Wonach gehen Sie, nach dem Anschein oder nach Büchern? Gestalten Sie ihr Leben vielleicht nach dem Vorbild von Romanhelden? Warum versetzen Sie sich nicht in die Lage ihres Kindes? Was für eine Lebenseinstellung möchten Sie ihm vermitteln? Was für ein Mensch soll ihr Kind werden?“

Fragen wie diese, die jeder nur für sich selbst beantworten kann, sind eine Rarität in Büchern über Kindererziehung. Noch seltener kommen pädagogische Werke ohne Theorie oder praktische Tips aus. Eine Auswahl von Gesprächen, die einer der bedeutendsten unter den lebenden Kinderpsychologen mit amerikanischen Müttern führte, geht davon aus, daß Fragen immer noch das beste Mittel zur Erkenntnis sind. Es handelt. sich um Gespräche, bei denen alle Beteiligten einander wirklich zuhören, nachdenklich schweigen, wo Vorurteile allzu beredt über die wahren Gründe von Konflikten hinwegtäuschen, viel lachen und dabei, ernst genug, jede verallgemeinernde Antwort vermeiden.

Ein ungewöhnliches Dokument der Erwachsenenbildung, das ebenso humorvoll wie überzeugend vorführt, woher es kommt, daß gerade informierte Eltern mit wachsender Unsicherheit an die Erziehung ihrer Kinder gehen und wie sie das ändern können. Die Nützlichkeit dieses mit fünfzehn Jahren Verspätung nun auch in der Bundesrepublik erschienenen schlichten Bandes von –

Bruno Bettelheim: „Gespräche mit Müttern“, aus dem Amerikanischen von Friedrich Griese; S. P. 155, Piper Verlag, München, 1977; 234 S., 10,– DM

scheint sich mir inzwischen eher noch vergrößert zu haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg unterrichtete Bruno Bettelheim an der Universität von Chicago vorwiegend heimgekehrte Soldaten, die älter und reifer als seine übrigen Psychologiestudenten, ihre persönlichen Probleme in seine Seminare hineintrugen. Er widmete sich ihnen, um ihren Ansprüchen gerecht zu werden, auch außerhalb des regulären Studienbetriebs und traf dabei sehr bald auf seine eigentlichen Interessenten. Zu den zunächst formlosen Sitzungen kamen, uneingeladen, die Ehefrauen mit, eine Gruppe durchschnittlich gebildeter Mütter, die vom Fachmann ein paar Regeln und gute Ratschläge für die Erziehung ihrer Kinder einzuholen gedachte,

Der Psychologieprofessor hatte als Pflegevater von schwierigen Jugendlichen und Ausbilder seines Hilfspersonals an der Orthogenischen Schule von Chicago die Erfahrung gemacht, daß noch die am sorgfältigsten erläuterte Theorie dem wenig nützt, der im Alltag spontan auf konflikthafte Vorkommnisse bei Kindern eingehen muß. Er hatte in seiner therapeutischen Arbeit den Grund für elterliche Ängste und Unsicherheiten vorwiegend in ihrer Autoritätsgläubigkeit gefunden, die sie daran hinderte, sich selbst wie ihre Kinder richtig zu beobachten, sich ihrer eigenen Wertvorstellungen bewußt zu werden und konsequent danach zu handeln. Die auffälligsten Fehlentwicklungen waren bei Kindern häufiger daraus entstanden, daß ihre Eltern fürchteten, falsch zu handeln, als daraus, daß sie Falsches aus ehrlicher Überzeugung taten. Deshalb bemühte er sich in diesen Gesprächen, seine Einsichten so an die Mütter weiterzugeben, daß sie ihnen tatsächlich helfen würden.