Von Dietrich Strothmann

Soweit ist es bereits gekommen bei der mühseligen, langwierigen und bisher erfolglosen Friedenssuche im Nahen Osten: Man schimpft, beleidigt einander, bedroht sich wechselseitig. Was sich während der letzten Tage im Parlament Jerusalems, der Knesseth, zugetragen hat, was aus den Wandelgängen, Amtszimmern und Restaurants der Abgeordneten an die schockierte Öffentlichkeit drang, mußte die Zweifel bestärken, ob nicht die Chancen einer Konfliktlösung vertan sind.

Das war in den letzten Tagen geschehen und hatte selbst die an emotionale Ausbrüche gewohnten Israelis vor den Kopf geschlagen: Im Vorzimmer des Ministerpräsidenten Begin riß Verteidigungsminister Weizman wütend ein Plakat mit dem Wort „Shalom“ von der Wand, mit der zornigen Bemerkung: „Die wollen ja doch keinen Frieden!“ In einer Kabinettssitzung mußte Begin das „Geschrei“ zwischen Falken Und Tauben mit einem Machtwort beenden. Im Parlament kam es zu dem bisher heftigsten Wortwechsel zwischen der Regierung und der Opposition, wobei man sich gegenseitig sogar des „Neofaschismus“ verdächtigte. Von Mitgliedern der oppositionellen Arbeiterpartei wurde der scharfzüngige Begin der Unzurechnungsfähigkeit geziehen; er stehe, wegen seines kranken Herzens, Unter dem gefährlichen Einfluß von Medikamenten und fange an, so Golda Meïr, „alles kurz und klein zu schlagen“.

Nicht einmal unter dem gleichfalls wenig zimperlichen, autoritär agierenden David Ben Gurion hatte es jemals einen solchen Krach in der Knesseth gegeben, war es unter Parteigegnern zu solchen Schlägen unterhalb der Gürtellinie gekommen. Schuld am jüdischen Bruderzwist ist der ägyptische Präsident Anwar el Sadat.

Denn während der gewiefte Taktiker Sadat seinen Außenminister bei dem Treffen im englischen Schloß Leeds angewiesen hatte, keine Zugeständnisse zu machen und dem israelischen Gesprächspartner Dajan die kalte Schulter zu zeigen, ließ er sich in privaten Gesprächen in Österreich mit Verteidigungsminister Weizman und Oppositionsführer Peres zu einigen handfesten Kompromissen herbei. Ihnen gab er mit gewünschter Deutlichkeit zu verstehen, daß er lieber mit ihnen verhandeln wolle als mit dem bockbeinigen Begin. Trieb Sadat damit ein abgekartetes Spiel? Erhoffte er/sich eine günstige Ausgangslage für künftige Gesprächsrunden, wenn er einen Keil in das israelische Kabinett und Parlament schlüge?

Ezer Weizman mag von der Ernsthaftigkeit des Friedenswillens Sadats eher überzeugt sein als sein „Übervater“ Begin; er mag sich auch sicher fühlen, daß ihn die Amerikaner für den Fall eines vorzeitigen Rücktritts des Ministerpräsidenten favorisieren – ein Kompromißler, wie ihn sich Kairo wünschen mag, ist er keinesfalls. Noch vor zwei Monaten hatte derselbe Weizman ein großangelegtes Siedlungsprogramm für die besetzten Gebiete angekündigt. Selbst Shimon Peres, ein Dajan-Eleve und Weizmans Amtsvorgänger, ist keine Taube in Sadats Sinn, auch wenn ihn von Begin Gräben trennen. Peres war es gewesen, der gegen die Bedingungen Kissingers für das Entflechtungsabkommen im Sinai protestierte und später wilde Siedlungen der militanten „Getreuen“-Bewegung toleriert hatte. Sollte Sadat weiter auf, Weizman und Peres setzen – denen Begin weitere Vier-Augen-Gespräche mit dem ägyptischen Präsidenten untersagt hat –, dann hat er womöglich auf Sand gebaut. Und wenn es, wofür zu diesem Zeitpunkt freilich wenig spricht, tatsächlich zum Schwur kommen sollte in der Frage „Frieden zu welchem Preis“, dann wird sich eher herausstellen, daß Jerusalems Front geschlossen ist und alle Aufweichungsversuche vergeblich waren.

Es sei denn, Sadat könnte auch in offiziellen Verhandlungen das anbieten, was er in seinem privaten Plausch Weizman und Peres zugestanden hat: israelische Militärpräsenz und Siedlungen auch nach einem etappenweisen Rückzug aus dem Westjordanland, kein PLO-Staat an Israels Ostgrenze, praktizierter Frieden durch Normalisierung. der Beziehungen zwischen den Nahoststaaten. Freilich kann das Sadat ohne Zustimmung der Jordanier und Syrer ebensowenig durchsetzen, wie es Weizman nicht gelungen ist, für einen vergleichsweise geringfügigen Wunsch des Ägypters im israelischen Kabinett Gehör zu finden: die Räumung der Sinai-Stadt El Arish und des Moses-Berges als „Gesten des guten Willens“. In El Arish, so Sadat, sollten sich die Außen- und Verteidigungsminister zu ihrer nächsten Unterredung treffen; auf dem Berg, wo Moses einst die Tafeln mit den Zehn Geboten empfing, wollte er als Friedenssymbol eine Moschee, eine Kirche und eine Synagoge errichten lassen. Begins gewohnt zornige Antwort auf dieses Angebot: Es gebe keine „Geburtstagsgeschenke“, nicht einmal ein „Korn des Wüstensandes“ ohne Gegenleistung. Er sei, so nahm er Sadats Vorwurf auf, ein „Hindernis“, aber ein „Hindernis für die Kapitulation“,