Schlimm muß es stehen um Hamburgs Kultur, wenn die am Ort (fast) allein herrschende Springer-Presse, die ihn jahrelang bekämpft hat, dem abgewählten FDP-Senator für Kultur, Dieter Biallas, nachweint: „Hat Liberalität und Großzügigkeit in vorbildlicher Weise praktiziert – mögen ihm dabei auch ein paar eklatante Mißgriffe zugestoßen sein“. („Hamburger Abendblatt“)

Gern hätte man dem Politiker, der jetzt für das kulturelle Leben der größten Stadt der Bundesrepublik Deutschland verantwortlich ist, die hundert Tage zur Einarbeit gegönnt. Nach den Polemiken der letzten Tage, nach unglücklichunbeholfenen Erklärungen des neuen Senators Tarnowskis, ist Rücksicht nicht mehr möglich.

Wenn sich schon der „Gesprächskreis Kultur und Gesellschaft in der SPD Hamburg“ mit Rettungsrufen an die Öffentlichkeit wendet; wenn der Fraktionsvorsitzende der (über die absolute Mehrheit verfügenden) SPD in der Bürgerschaft, Hartmann, sich nicht schämt, mögliche Kritiker (s)einer Vorstellung eines „Generalintendanten“ für beide Staatstheater (Deutsches Schauspielhaus, Thalia-Theater) schon vorher als „links“ zu verteufeln – dann ist der kulturelle Notstand da.

Auch wenn man bedenkt, daß vor einem neuen Kulturpolitiker Intendanten stets ihr Pfauenrad schlagen (Tarnowski hat das Wort „Erpressung“ in einem Interview nicht zurückgewiesen), ist die Tatsache alarmierend, daß die Hamburger und ihr neuer Kultur-Obmann, wenn sie aus den Ferien zurückkommen, einige ihrer traditionellen Kultur-Stätten – vielleicht – ohne Oberpriester vorfinden:

  • Der neue Intendant der Staatsoper, Christoph von Dohnányi, macht kein Hehl daraus, daß er, bereits im ersten Hamburger Jahr, mit Wien verhandelt. Anstatt diesen Dirigenten-Intendanten, der nicht nur seinem Haus, sondern auch dem geistigen-künstlerischen Leben der Stadt Anregungen gegeben hat, durch Verhandlungen oder öffentliche Erklärungen an Hamburg zu binden, läßt sich Tarnowski – öffentlich! – darüber aus, „eine Personalunion zwischen Intendant und Generalmusikdirektor, wie bei Dohnányi, künftig zu vermeiden“.
  • John Neumeier, der eine hervorragende Ballett-Truppe aufgebaut hat (auch wenn der Choreograph darüber in eine Sackgasse: romantisches Traumballett geraten ist), droht dem Liebeswerben seines einstigen Chefs Everding zu erliegen, der ihn mit dem Versprechen eines eigenen Tanz-Hauses (Prinzregententheater) nach München lockt. Anstatt die Spannungen abzubauen, die es zwischen Neumeier und seinem Chef gibt („Ich bin nicht der Typ wie Everding, der mit Blumen am Flughafen steht, wenn Neumeier landet“), stürzt sich Tarnowksi in Träume von Hamburg als „der Ballettstadt der Bundesrepublik“.
  • Das von Karla Fohrbeck und Andreas Wiesand gegründete und geleitete „Institut für Projektstudien“, das so wichtige Untersuchungen herausgegeben hat wie den „Autoren-“, „Künstler-“, „Journalisten“-Report, wird von Hamburg nach Berlin ziehen – als „Stiftung für Kulturforschung“. Während Berlin sich um die Kulturforscher reißt, die Bibliothek, Archiv und laufende Projekte (bis 1982: 24 nationale und internationale Forschungs- und Dokumentations-Unternehmen) von der Alster an die Havel bringen werden, bekennt Tarnowski vor einem Kreis Hamburger SPD-Kulturpolitiker, er könne sich „unter einem Kulturforschungsunternehmen nichts vorstellen“.
  • Nachdem Werner Nekes Hamburg verlassen hat und andere junge Film-Leute die Abwanderung aus einer Stadt überlegen, die kein „Kommunales Kino“ für nötig hält, hat Tarnowski die trostlose Situation Hamburgs als Filmstadt bisher mit keinem Wort erwähnt.
  • Da wundert es nicht, daß Tarnowski zu seiner ersten Pressekonferenz Vertreter einer (möglicherweise?) kritischen Zeitung nicht einlädt.
  • Am wichtigsten für Hamburg: Die Ersetzung des von einem SPD/FDP-Senat (unter unwürdigen Bedingungen) von seinem Sessel gedrängten Intendanten des Deutschen Schauspielhauses, Ivan Nagel: Es spricht für den Einfallsreichtum des ideologisch reinen SPD-Senats, daß er die (in jedem Sinn) billigste Lösung hätschelt: Der Intendant des Thalia-Theaters, Boy Gobert, der seine Abonnenten, löffelchenweise, an die moderne (Theater-)Zeit gewöhnt, soll auch das Schauspielhaus übernehmen.

Ausfall von Konkurrenz? Nivellierung der „Theaterlandschaft“? Zweifelhafte Einsparungen? Interessiert alles nicht einen Kultur-Mediziner, der auch den Spielplan „mitbestimmen“ will und auch Rezepte bereithält, weil er meint, „die Künstler dürfen nicht nur persönliche Zielvorstellungen verwirklichen, sondern sollen sich an ihr Publikum halten“.

Der von der Medizin in die Kultur gefallene Professor lese einmal Cocteau: ‚„Warum machen Sie das so?‘, fragte das Publikum. „Weil Sie es nicht so machen würden‘, erwiderte der schöpferische Mensch.“ Rolf Michaelis