Berlin: „Rainer Kriester“

Selten sah man Plastiken so schön, so adäquat im Freien plaziert wie das Ensemble der Skulpturen von Rainer Kriester (Jahrgang 1935) im Garten des Hauses am Waldsee. Schön heißt hier jedoch nicht, daß Kunst und Natur eine falsche Idylle eingegangen wären – der ästhetische Reiz dieser Skulpturen-Ausstellung beruht gerade auf dem Kontrast zwischen dem Park und den Plastiken. Denn Kriesters Thema ist der „beschädigte Mensch“; in Gestalt von Torsi, von Körperfragmenten, in Form von überdimensionalen Händen oder durch Schnallen und Spangen verschnürte Köpfe wird es symbolisch dargestellt und vielfach variiert. Dieses lädierte Menschenbild als Sujet eines Bildhauers kommt ohne weinerliche, aber auch ohne versöhnliche Geste daher. In der „Prometheus“-Figur wird zum Beispiel die Dialektik von Fesselung und Befreiung angesprochen. Oder in der „Kopf-Hand-Thematik“ die Dialektik von Bedrohung und Beschützen. Immer ist es die mehrdeutige Beziehung zwischen Ohnmacht und Macht, die da plastisch gestaltet wurde. Die Monumentalität, mit der Kriester seine figuralen Fragmente ausstattet, gibt den lädierten Kreaturen jedoch eine Kraft, die sich im übertragenen Sinne in Hoffnung verwandelt und jeden Anklang an Melancholie verhindert. Monumentalität, die einmal durch die bevorzugten Materialien erreicht wird, durch Stein und Marmor, aus denen Kriester seine „Bilder“ heraushaut, ist nicht nur die Stärke der Skulpturen, sondern auch die des Künstlers. Und die menschlichen Grundsituationen, die er aus diesem Material buchstäblich „heraushaut“, erhalten damit eine Dimension, die sich als Skulptur wohl nur im Freien entfalten kann, jene Dimension, die über den Abbild-Charakter eines eindimensionalen Realismus hinausgeht. (Haus am Waldsee bis 5. August, Katalog 10 Mark) Daghild Bartels

München: „Menschen, Tiere, Sensationen – Zirkusplakate 1880–1930“

Die Plakate hängen nicht an Stellwänden, sondern in Drahtgittern. Eine Anspielung auf Baustellen, deren Umzäunung als Werbefläche verwendbar ist, und auf Raubtierkäfige in der Manege. Eine einfallsreiche Inszenierung, die nur einen Nachteil hat – die Plakate hängen für kleine Kinder zu hoch. Gerade für sie sind die stets als aufsehenerregend und unüberbietbar angekündigten Dressur- und Hochseilakte wohl noch unmittelbar faszinierende Versprechungen zirzensischer Abenteuer. In den Zeiten vor der Erfindung des Fernsehens, als Manegenzauber noch nicht geruchsfrei ins Haus geliefert wurde, gehörte der Zirkusbesuch zu den großen Kindheitserlebnissen. Damit ist es vorbei, und auch, obschon der Zirkus nicht tot ist, mit der glanzvollen Epoche des Zirkusplakates. Die Bilder, entworfen von ungenannten Künstlern (nur der Drucker ist bekannt: Adolph Friedländer in Hamburg) wirken heute gelegentlich unfreiwillig komisch, vor allem wenn sie unerhörte Attraktionen mit nationalem Pathos oder unverfrorener Produktwerbung Verbinden. In der listische Qualität – die Dame auf dem Kanapee, umgeben von einem Rudel brüllender Löwen, ist eine Bilderfindung würdig eines Magritte. Und der Löwenmensch, der im Shakespeare liest, könnte eine Figur von Meyrink sein. Zirkusplakate sind auch Spiegel von Träumen, voll von anarchischen, antibürgerlichen Phantasien: Fluchtbilder. (Puppentheatersammlung im Münchner Stadtmuseum, bis zum 1. Oktober; Katalog 18 Mark)

Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: „Maillol“ (Kunsthalle bis 3. September, Katalog 25 Mark)