Von Wilfried Kratz

Die „Konzertierte Aktion“ mag in der Bun-. desrepublik Anhänger verloren haben. In Großbritannien findet sie Bewunderer. Zu ihnen gehören Premierminister James Callaghan und sein Finanzminister Denis Healey. In dem Weißbuch „Winning the battle against Inflation“, aus dessen Titel der Lärm einer siegreichen Schlacht zu hören ist, macht die Labourregierung ihre Absicht deutlich. Tarifverhandlungen sollen danach „jedes Jahr auf einer Vereinbarung in groben Umrissen zwischen Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgebern über die maximale Verdiensthöhe basieren, die mit dem Ziel vereinbar ist, die Inflation in den folgenden zwölf Monaten unter Kontrolle zu halten.“ Healey erläuterte den Passus, leicht überzeichnend, in einer Erklärung im Unterhaus: „In Deutschland haben sie eine Lohnpolitik, auf die, wie ich hoffe, wir uns hinbewegen könnten. Sie beruht auf einem Konsensus zwischen beiden Seiten der Industrie und der Regierung über das, was wünschenswert ist.“

Der deutsche Exportartikel kann aber nach Ansicht der Regierung jetzt noch nicht voll übernommen werden, jedenfalls nicht in seiner flexiblen und unverbindlichen Ausprägung. Erst müßten die Inflation weiter reduziert und die inflatorischen Erwartungen zerstört werden, meinte Healey. Die Regierung will also auch weiterhin ihre Druckmittel gebrauchen, um das von ihr proklamierte lohnpolitische Ziel durchzusetzen. Danach sollen in den zwölf Monaten vom 1. August an die Löhne um nicht mehr als fünf Prozent steigen.

Druck kann die Regierung auf verschiedene Weise ausüben. Sie ist direkt als Arbeitgeber (zum Beispiel für die Beamten), indirekt als Geldgeber (zum Beispiel für die Gemeinden) und außerdem als die politisch verantwortliche Instanz und als Finanzier für die staatlichen Unternehmen in Lohnverhandlungen für ungefähr dreißig Prozent aller Beschäftigten in Großbritannien verwickelt. Die Regierung kauft direkt und indirekt Güter und Dienste von privaten Unternehmen, und sie gebietet über eine Fülle von Subventionen und finanziellen Begünstigungen, die nach ihrem Ermessen verteilt werden können. In die Verträge für staatliche Aufträge werden Klauseln aufgenommen, die Einhaltung der Lohnleitlinien vorschreiben. Die Empfänger der Vergünstigungen setzen sich der Gefahr aus, daß ihnen die Bürokratie die Subventionsnäpfe wegnimmt, wenn sie nicht lohnpolitisches Wohlverhalten üben.

Lohn- und Preiskontrollen hat es in Großbritannien seit dem letzten Krieg in den verschiedensten Formen gegeben, ob nun die Konservativen an der Macht Waren oder die Labourparty, Als Labour 1974 an die Macht kam, steigerte sich die Tariffreiheit auf einer (allerdings auslaufenden) Welle zügelloser Geldpolitik zu einer Lohn- und Preisorgie mit Zuwachsraten von dreißig Prozent und mehr. Der Katzenjammer war unvermeidlich. Von Mitte 1975 an folgten dann zwei Jahre relativ strenger Lohnpolitik mit Lohnnormen, welche die Gewerkschaften offiziell unterstützten. Sie wurden durch eine gewerkschaftsfreundliche Gesetzgebung belohnt.

1977 hatte die Regierung ihr Pulver verschossen. Sie war im Parlament ohnehin in die Minderheit geraten und mußte das Steuer auf einen mittleren Kurs umlegen. Die Gewerkschaftsführer sahen deshalb keinen Sinn darin, noch einmal als Komplizen eines auf Lohnrestriktionen gerichteten Pakts zu erscheinen, zumal nach dem vorangegangenen Rückgang im Lebensstandard und den Verzerrungen der Lohnstruktur die Mitglieder immer unruhiger wurden. Also war die Regierung weitgehend auf sich allein gestellt, die sogenannte „Phase Drei“ ihrer Lohnpolitik Zu betreiben.

In dieser Periode, die Ende Juli ausläuft, setzte die Regierung für die Erhöhung der Verdienste eine Obergrenze von zehn Prozent. Solche Obergrenzen haben die Eigenschaft, daß sie für die Lohnverhandlungen als Untergrenze genommen werden. Wahrscheinlich wird die jetzige Phase mit einer Erhöhung der Verdienste um etwa vierzehn Prozent enden. Da die Inflationsrate seit einem Jahr die Treppe hinabklettert und nun zwischen sieben und acht Prozent angekommen ist, spüren die Briten eine deutliche Zunahme ihres Realeinkommens. Der Lebensstandard, so Healey, „hat sich in der laufenden Lohnrunde für die meisten Männer und Frauen in Großbritannien um etwa fünf Prozent erhöht.“