Von Rudolf Herlt

ZEIT: Herr Emminger, in Brüssel haben die Finanzminister der Europäischen Gemeinschaft gestern den Währungsausschuß und den Ausschuß der Zentralbankgouverneure beauftragt, bis zum 18. September konkrete Vorschläge für das Funktionieren eines europäischen Währungssystems auszuarbeiten. Lassen sich Vorzüge und Gefahren eines solchen Systems jetzt schon klarer erkennen als nach der Sitzung des Europäischen Rats in Bremen?

Emminger: Grundsätzlich ist zu sagen, daß noch viele wichtige Fragen offen sind, so daß sich noch nicht ganz absehen läßt, wie das europäische Währungssystem endgültig aussehen wird. Die Vorteile dieses Systems lassen sich aber etwas klarer absehen. Die – bisherigen Verhandlungen und Unterhaltungen haben schon ergeben, daß ganz offensichtlich von den Mitgliedsländern nicht nur stabilere Wechselkurse angestrebt werden, sondern daß viel klarer als früher erkannt wird, daß dies auf die Dauer nur durch mehr Stabilität im Innern und durch Harmonisierung der Wirtschafts-, Währungs- und Finanzpolitik zu erreichen sein wird.

Die möglichen Risiken des Systems waren von Anfang an sichtbar. Die Probleme sind inzwischen auf den Tisch gelegt worden. Es hängt von der Lösung dieser Probleme ab, ob die Risiken mehr oder weniger groß sind.

ZEIT: Sie haben in einer Kabinettssitzung zum Währungsplan Stellung genommen. Sie sollen dabei auf drei neuralgische Punkte hingewiesen haben, die bei der Ausarbeitung der Einzelheiten beachtet werden müssen. Könnten Sie die drei Gefahren näher erläutern?

Emminger: Ich habe nur einige Voraussetzungen geschildert, die nach meiner Ansicht für ein gutes Funktionieren des Systems gegeben sein müssen. Die erste Voraussetzung ist, daß in dem neuen System nicht durch zu langes Festhalten an unrealistisch gewordenen Wechselkursen einerseits Inflationstendenzen auf die übrigen Mitglieder übertragen werden und andererseits in dem betreffenden Land selbst strukturelle Fehlentwicklungen entstehen. Man muß also gewisse Spielregeln haben für unvermeidliche Anpassungen der Wechselkurse.

Die zweite Voraussetzung, oder ich möchte hier sagen, der zweite kritische Punkt ist, daß man durch zu umfangreiche oder durch zu leicht zugängliche Kreditfazilitäten eben gerade das Mitschleppen von unrealistischen Wechselkursen fördern und die Währungsdisziplin schwächen könnte. Insofern hängt also viel davon ab, wie die Währungsreserven, die teilweise zusammengelegt werden sollen, verwendet werden. Das ist aber gegenwärtig noch offen. Hier haben wir also die Möglichkeit, das werdende System entsprechend auszugestalten.