Von Adolf Muschg

Wer Donald Barthelmes Storys zum erstenmal im „New Yorker“ begegnet ist, kann sie für eine Art Quintessenz dieses Magazins ohne Inhaltsverzeichnis gehalten haben. Der berühmte Anzeigenteil, der richtige Einkaufs- und Ausgehtip, die gute Karikatur, der literarische Pfiff, der schicke Essay – das alles scheint in Barthelmes delikaten Prosa-Gespinsten zugleich auf den Begriff gebracht und parodiert.

Ein Autor für die Feinschmecker unter den Verächtern der Konsumgesellschaft, aus dem „Village“ schreibend für Städtebewohner zwischen Amerika und Europa, Apokalypse und Atlantis; als seine ersten Bücher erschienen, fügte eine respektvoll verwirrte Kritik hinzu: zwischen Joyce und Borges. Kafka werde sich zwar nicht im Grab umdrehen, aber lachen werde er über Donald Barthelme, „denn hierzulande ist er sein würdiger Nachfolger“, ließ sich die „New York Review of Books“ vernehmen. Was nur beweist, daß, kaum begann man diesen Autor als Phänomen wahrzunehmen, auch gleich der Maßstab für ihn verloren ging; das ist seither nicht anders geworden. Insider schwören nicht nur auf, sondern geradezu bei Barthelme, vor allem Schriftsteller, auch deutschsprachige. Wer immer sich vorstellen kann, daß man „Gegenkultur“ literarisch praktiziert; wer es liebt, die Mythen des Global Village schwarz mitzubenutzen, seine Verkehrsschilder zu verrücken, seine Symbole zu entstellen – es muß nicht gleich bis zur Kenntlichkeit sein –, gehört zu Barthelmes Stamm, ob er in Graz schreibe, Basel oder Auckland. Seit die Phantasie aufgehört hat, von der Macht zu träumen („l’imagination au pouvoir!“), und ihre Energie aufs Überleben verlegen mußte, ist Raffinement kein Schimpfwort mehr, Exklusivität ein tragbares Risiko. Wer’s nicht an den Haarwurzeln spürt, dem wird man allerdings nicht erklären können, warum bei Barthelme, John Barth oder Thomas Pynchon lebenswichtige Reflexe ausprobiert werden. (Die schnellen Verwerter westlichen Kultur-Abfalls, Tom Wolfe, Vonnegut oder Bukowski, um nur die besten zu nennen, haben es leichter und sind manchmal sogar in einen Bestseller-Erfolg übersetzbar.)

Barthelme ist kein New Yorker von Haus aus. 1933 in Philadelphia geboren, hat er seine Jugend in Houston verbracht, als ältester Sohn eines Architekten (dessen avantgardistische Vorlieben in Texas etwas deplaziert gewesen sein sollen); er hat französische Literatur studiert, am Korea-Krieg teilgenommen, als Journalist, PR-Mann, Herausgeber einer Zeitschrift und Kurator einer Galerie gearbeitet, bevor er sich als freier Schriftsteller in New York niederließ. Seither stellt seine Prosa eine spielerisch getarnte Abrechnung mit den Künsten dar, die sich ein Mensch erwerben muß, um als erwachsen zu gelten, und die den Sinn dieser Mühe wieder zweifelhaft machen.

Daß die Kürze von Barthelmes Geschichten, für die es Gewissensgründe gibt, den Bedürfnissen des „New Yorker“ entgegenkommt, ist nur eine ihrer vielen Ironien. Dennoch hat die Kritik nicht aufgehört, von Barthelme den „großen Roman“ zu erwarten. Dazu der Autor 1970 in einem Interview: „Ein Roman sollte was anderes sein. Er sollte zur Vergnüglichkeit („joyfulness“) der Nationen beitragen. Eigentlich ist er bloß ein Stachel, der einem hilft, sich von hier nach dort zu bewegen, auch wenn er an sich ein bißchen blöde ist. Nur: all unsere Vorwände zu handeln sind gegenwärtig etwas dünn geworden.“

Nun hat er diese dünne Basis doch zum Roman gestreckt – oder hat er nicht? –, auf deutsch erschienen beim gleichen Verlag, der bisher ebenso treulich wie erfolglos fast alle Titel Barthelmes, seit „Komm wieder, Dr. Caligari“ und „Schneewittchen“, herausgebracht hat –

Donald Barthelme: „Der Tote Vater“, Roman, aus dem Amerikanischen von Marianne Frisch und Martin Kluge; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1977; 226 S., 24,– DM.