von Alexander Astruc und Michel Contat

Dieser Film liest sich wie ein Roman: Jean-Paul Sartre hält Hof in der Manier eines Helden aus der „Comédie Humaine“ • Balzacs. Im Kreis der Familie (sprich: seiner Freunde), unterstützt von der Lebensgefährtin (Simone de Beauvoir alias Castor, mit der Pollux sich siezt: „Sie haben einmal zu mir gesagt: ‚Ich durchschaue alle Ihre Schliche‘“), resümiert ein Schriftsteller sein Leben, der mit dem Bürgertum gebrochen hat und in der Art der Argumentation, in den geschliffenen Wendungen und redensartlichen Bonmots, Satz für Satz den „citoyen“ herauskehrt, der auch nach den „Wörtern“ und nach dem durch Krankheit erzwungenen Abbruch der Flaubert“-Biographie ein bürgerlicher Schriftsteller bleibt: wie sehr, das beweist die Form des klassischen „discours“, mit dessen Hilfe er sich dem elitären Klassizismus widersetzt – er, Jean-Paul Sartre, ein Mann zwischen den Fronten: Palladin der Arbeiterschaft, der sich zu gleicher Zeit zu Hegels Dialektik und dem hohen Stil der Tragödie bekennt: „Die Idee des Pathos setzt zwei Anwälte voraus, die sich gegenüber stehen und diskutieren, bis sie sterben, denn es gibt keine Lösung; ein Recht steht dem anderen entgegen; oder aber bis der eine den anderen zu seinem Knecht macht. Das ist für mich Theater

„Sartre“ – das ist ein Film-Roman, in dem der Held (mal nach rechts gewandt: zum bürgerlichen Publikum, das dem Artisten verzeiht, was es dem Revolutionär vorwirft: seine Gesinnung, mal nach links zum Proletariat hin gesprochen, mit dem er sich solidarisiert – freilich im Faltenwurf und auf dem Kothurn)... Sartre ist ein Roman, in dem Monsieur vorexerziert, was das ist: ein Individuum, in dessen Kindheit sich auf geheimnisvolle Weise das Schicksal Baudelaires wiederholt – ein Individuum mit seiner eigenen unverwechselbaren Geschichte.

Da gibt einer mit Witz und Selbstironie Auskunft über sich selbst, seine Gedanken zur Gewalt, zur Isolation und zum Ruhm (Literatur als die genuin französische Möglichkeit unsterblich zu werden); da wird über Häßlichkeit und Moral, über den philosophischen Disput, über den Kommunismus und die Unmöglichkeit Konversation getrieben, die Parteilichkeit für die Unterdrückten innerhalb der Partei zu artikulieren.

Und das alles in der amüsantesten Weise, mit einer Fülle von Pointen, deren schönste sich in den Blitzgeplänkeln zwischen Madame und Monsieur ergeben: dort zum Beispiel, wo Simone de Beauvoir den Studenten Sartre als den „schmutzigsten, den am schlechtesten Gekleideten, vielleicht auch den Häßlichsten“ etikettiert – ein dubioses Subjekt: „immer damit beschäftigt, der einen oder anderen jungen Philosophin den Hof zu machen“. Daraufhin Sartre: „Übertreiben wir nicht (Unter Mitwirkung von Simone de Beauvoir, Jacques-Laurent Bost, André Gorz, Jean Pouillon; dnb 101, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1978; 90 S.; Abb., 8,– DM.)

Walter Jens