Von Peter Jennrich

Es sehe beileibe nicht so aus, konstatierte der Philosoph Ortega y Gasset düster, als solle es dem Menschen jemals gelingen, sich daran zu gewöhnen, was sein „Dasein zerreibt“ und worin er „peinvoll versunken“ ist – Arbeit. Eine ärgerliche Einsicht, die so recht allerdings erst auf Schichtdienst und Nachtarbeit zutrifft.

Aus umfangreichen Betriebsanalysen und Laborversuchen ziehen Arbeitsmediziner heute einen Schluß, der das Argument von der Gewöhnung ins Reich der Fabel verweist: Schichtarbeit führt so gut wie immer zu physischen und psychischen Beschwerden. Selbst bei jahrelang durchgehaltenem Nachtdienst kommt eine Anpassung nur dann zustande, wenn die phasenverschobene Lebensweise sowohl an freien Tagen als auch während der Freizeit an den Arbeitstagen beibehalten werden kann.

Die gängige Auffassung von der Gewöhnung kommt nicht von ungefähr. Nachtarbeiter halten nämlich nach einer Erhebung der Weltgesundheits-Organisation (WHO) ihre Beschwerden, wie etwa die häufig auftretenden Magen-Darmstörungen, für ziemlich normal. Der Gang zum Arzt wird denn auch häufiger aufgeschoben als in vergleichbaren Gruppen. Auch fühlen sie sich, was Beschwerden weiter kaschiert, eher dafür verantwortlich, ihren am Tage arbeitenden Kollegen Mehrbelastungen durch Fehlzeiten zu ersparen. Erst bei lange fortgesetztem Nachtdienst nehmen die Fehlzeiten älterer Arbeitnehmer zu.

Erkauft wird solche letztlich überzogene Leistungsbreite aus einem steten Widerstreit gegen den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. So ist nach Feststellungen der WHO die Leistungsfähigkeit bei Nachtarbeitern eben vergleichbar mit der eines Tagschaffenden, der die Nacht zuvor auf Schlaf verzichtete. Auswertungen von Fehlern zeigen, daß die Fehlerzahl gegen drei Uhr morgens, wenn Kraftgefühl und muskuläre Koordination einen Tiefpunkt erreichen, am größten ist.

Auf Befragung gaben 80 Prozent der Schichtarbeiter zu Protokoll, daß sie sich während des – gemeinhin leichteren – Schlafes am folgenden Tage ständig durch lärmende Kinder oder den hierzulande schon obligaten Verkehrslärm gestört fühlen. Nahezu ebenso hoch fielen Klagen über eine anhaltende Verschlechterung des Appetits aus.

Zwar kann sich der menschliche Organismus, nach einer Flugreise etwa, binnen Tagen an eine andere Zeitzone anpassen. Bei fortgesetzter Nachtarbeit aber funktioniert diese Synchronisierung aus nicht ganz geklärten Gründen nicht oder doch recht mangelhaft. Die womöglich passendste Erklärung liefert der Münchner Arbeitsphysiologe Dr. Wolfgang Ehrenstein. Er vermutet, daß die vom vegetativen Nervensystem vorgegebenen Rhythmen mit dem gesellschaftlichen Verhalten übereinstimmen müssen, um die Phasenverschiebung überhaupt auszugleichen. Doch gerade diese unumgängliche Modifizierung des Verhaltens dürfte seiner Ansicht nach „schwierig sein, weil in der Regel die Freizeitbedürfnisse nicht phasen verschoben sind“.