ARD, Sonntag, 16. Juli, Donnerstag, 20. Juli, Freitag, 21. Juli: „Vom Ende der Illusionen – Deutsche Studenten 1967–1968“, dreiteilige Dokumentation von Franz Wördemann

Kein Zweifel, die Dokumentation über den Aufbruch der Studenten in den Jahren 1967 und 1968: hierzulande und in aller Welt – das hätte einen faszinierenden Film geben können. Information plus Kritik; exakte Beschreitung und Analyse des Dargestellten, zehn. Jahre danach.

Alle Voraussetzungen waren gegeben, um das ehrgeizige Unternehmen gelingen zu lassen. Man hatte einen von Hans Dieter Müller und Günther Hörmann in den entscheidenden Jahren vor Ort gedrehten Film, der, ohne Retouchen, den Beteiligten zur Lehre, Stärken und Schwächen der Bewegung, ihren Generalnenner, aber auch ihre Widersprüche veranschaulicht. Man hatte in Knut Nevermann einen Ciceronen, wie er sich kenntnisreicher, redlicher und behutsamer nicht denken läßt – einen Mann, der mit einem Höchstmaß von begrifflicher Schärfe und Verdeutlichungskraft die Gruppierungen der Apo, ihre Gliederung in moralistisch, radikaldemokratisch und kulturrevolutionär argumentierende Fähnlein, rekonstruierte. Und man hatte schließlich in Richard Löwenthal, Wolfgang Lefèvre und, wiederum, Knut Nevermann ein Team zur Verfügung, das mit Höflichkeit und Präzision, urban in der Form, entschieden in der Sache, auf hohem Reflexions-Niveau über Ursachen, Verlauf und Fortwirken der Studentenbewegung debattierte.

Eine Dokumentation, ein Cicerone, eine Diskussionsrunde an Stelle der üblichen Statement-Aneinanderreihung (dreißig Sekunden Dutschke, vierzig Sekunden Marcuse, und für Ralf Dahrendorf bleibt auch noch eine halbe Minute): Die Konzeption war vortrefflich – wie vortrefflich, das wurde sichtbar, als plötzlich, ganz unfunktional, ein Geistlicher mitdiskutierte, der so unvermittelt auftrat, wie er sang- und klanglos verschwand.

Kurzum, es war alles aufs schönste geregelt, der Erfolg in Gestalt eines Musterbeispiels von demokratischem Geschichtsunterricht schon greifbar nahe. Dann aber kam Franz Wördemann – und er kam nicht nur: er redete! Und wie er redete! Wie er, in raunender Orakelsprache, „Wurzeln in den Bodengrund des Verdachts“, pardon in die „Schichten“ hinabreichen, wie er „das Gesicht der Zeit auseinanderfallen“ und die „Musik aus ihrer gefälligen Tradition heraustreten“ ließ! Wenn die umgangssprachliche Floskel „der versteht immer nur Bahnhof“ auf jemanden zutrifft – dann auf Franz Wördemann in dieser Sendung. Dabei war er den Studenten keineswegs feindlich gesinnt, bemühte sich vielmehr (nicht anders als in seiner verdienstlichen Sendung über den Terrorismus) um Differenzierung im einzelnen, wie seine Attacke gegen die Gewalt schürende Sprache des Hauses Springer bewies. Ein redlicher Mann, ohne Frage – nur leider ganz und gar unvertraut mit der Materie, unfähig zu jener Reflexion, die ein Thema wie die Studentenrevolte nun einmal verlangt. Statt begrifflich zu argumentieren (und nicht nur mit Hilfe von Metaphern, die dann auch noch verunglückten), gab Wördemann sich als Allwissender, der es überhaupt nicht nötig hatte zu denken, verteilte Zensuren und trat, mit einer kuriosen Mischung von Arroganz und Unwissenheit, wie ein Richter auf, der seine Angeklagten befragt: „Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, Herr Nevermann, daß...“ „Was haben Sie dazu zu sagen?“ „Hatten Sie je das Gefühl, es könnte ...“ Statt des Diskurses: ein Verhör!

Wie viel Anmaßung bei so viel Ignoranz! Während die Ideologie des Pragmatismus (der Apo wurde eine „flache Deutung der Wirklichkeit“ angelastet) sich in keinem einzigen Augenblick reflektiert sah, galt dem Nachweis des „utopischen“ und „illusionären“ Charakters der Studentenrevolte um so entschiedenere Bemühung – wobei schon die Gleichsetzung von Utopie und Illusion für sich selbst sprach. (War Jesus ein Illusionist? Marx nichts als ein Träumer? Ist der Versuch, das Bestehende mit Hilfe von Gegenentwürfen zu transzendieren, wirklich so leichthin und argumentationslos abzutun, wie es in dieser Sendung geschah? Dann wäre Ernst Bloch nur ein Schwätzer; dann hätte die Frankfurter Schule, vom Bannstrahl eines Wördemann getroffen, gar nicht erst mit dem Denken anfangen dürfen!)

Welch ein Aberwitz wurde hier von einem sogenannten Pragmatiker vertreten – einem Mann, der sich nicht genierte, den Satz zu formulieren, die Apo hätte „die Grenze zur Theologie und Philosophie überschritten“! Gott sei Dank hat sie das getan – schlimm für sie, wäre es anders gewesen – schlimm, hätte sie Hegel und Marx, Kant und Fichte ignoriert: Ganz so folgenlos, wie der von allen guten Geistern verlassene Moderator sich das vorstellt, ist der deutsche Idealismus (mitsamt seiner Umkehrung) für die Sozialwissenschaften denn doch nicht gewesen!