Die Ostberliner am Rhein führen ein Schattendasein

Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juli

Das Abschiedsessen ist schön verabredet, der Nachfolger hat bereits sein Agrément. Am 7. September wird Hans-Jürgen Wischnewski, Staatsminister im Kanzleramt, Michael Kohl zum letzten Male als Ständigen Vertreter der Deutschen Demokratischen Republik empfangen und zu Tisch bitten. Für den September wird auch der neue Ostberliner Abgesandte Ewald Moldt, bisher einer der sechs Vize-Außenminister der DDR, erwartet. Vier Jahre, nachdem Kohl in Bonn Posten bezogen hatte, kommt es zur ersten Wachablösung.

Doch ändern wird sich vermutlich nichts, weder im Stil noch in der Sache. Sowohl bei der Verabschiedung Kohls als auch beim Einstand Moldts wird es nach jenem ambivalenten deutsch-deutschen Knigge zugehen, der sich im Laufe der Zeit herausgebildet hat: nicht besonders förmlich, aber auch ohne jeden Überschwang, im ganzen mit einer etwas steifen Vertrautheit.

Nicht minder ambivalent geblieben ist auch die Sache selbst, der aktuelle Stand der gegenseitigen Beziehungen. Zwar befinden sich die Verhandlungen über die neuen Verkehrsvorhaben auf gutem Wege. Schon ist über die Trasse der neuen Autobahn von Berlin nach Norddeutschland Einigkeit erzielt. Doch zugleich schießt die DDR-Presse wieder einmal aus vollen Rohren auf die Bundesrepublik – wie umgekehrt Ostberlin natürlich nicht angenehm in den Ohren klingen kann, was die Zeitungen hier etwa über die Verurteilung Rudolf Bahros oder Nico Hübners schreiben.

Da den richtigen Umgangston zu treffen, ist nicht leicht. Wenn die Probleme schon so heikel seien, müsse man sich um so mehr um einen vernünftigen menschlichen Kontakt bemühen – so umreißt Hans-Jürgen Wischnewski, für die DDR-Vertreter die höchste Bonner „Anlaufperson“, seine Rezeptur. Michael Kohl ist darauf durchaus eingegangen. Gewiß hat er bei offiziellen Missionen im Kanzleramt; eisenhart die Linie seiner Regierung und der SED verfochten, ein rechter Parteiknochen. Geändert hat sich auch nichts an seiner Gewohnheit, noch bei den geringsten Kleinigkeiten ein enervierender Verhandlungspartner zu sein. Doch bei den gelegentlichen Treffen außerhalb der Regierungszentrale ist es, in Grenzen, auch zu Gesprächen gekommen, in denen der Ständige Vertreter nicht das Neue Deutschland referierte. Und in Wischnewskis Garten steht mittlerweile eine Thüringer Lärche – das Geschenk des Thüringers Kohl, als der Minister jüngst – wieder heiratete.