23. Juli 1978

Sehr geehrter Herr Wehner,

tief betroffen haben wir gehört, daß Franz-Ludwig Graf Schenk von Stauffenberg, MdB, Ihnen das Rederecht zum Gedenken an die Opfer des 20. Juli bestritten hat. Es liegt uns daran, festzustellen, daß er nicht im Namen aller gesprochen hat, die dies betrifft. Sein Verständnis vom Widerstand gegen den Faschismus entspricht nicht dem unseren. Wir glauben aber, daß der unsrige demjenigen seines Vaters nähersteht.

Erschütternde Zahlen belegen, daß der Widerstand gegen den Naziterror nicht ein Privileg der Verschwörer des 20. Juli sein kann. Vom Tag der „Machtergreifung“ Hitlers am 30. Januar 1933 an setzte eine erbarmungslose Verfolgung gegen die Gegner des Nationalsozialismus ein; sie traf alle gesellschaftlichen Schichten und politischen Richtungen, vorwiegend jedoch, in den Anfängen, die Linken. Generell spielte die Frage nach parteipolitischen oder gesellschaftlichen Herkünften beim deutschen Widerstand eine absolut sekundäre Rolle. Die ungeheuerliche Last der Unterdrückung und das Gewissen, das sich dagegen erhob, schufen eine neue und besondersartige Solidarität von rechts bis links.

Wenn Bernd Gisevius in seinem Buch „Bis zum bitteren Ende“ schreibt, daß „die Fiktion einer Sozialrevolutionären Verbrüderung der deutschen und fremdländischen Arbeitermassen dem energiegeladenen Stauffenberg-Kreis einen mächtigen Auftrieb“ gab und ... „folgerichtig der engere Stauffenberg-Kreis das Bündnis mit der extremen Linken, den Kommunisten“ erstrebte, so ist damit die Offenheit der damaligen Widerstandskämpfer zu verstehen, die das gemeinsame Ziel über alle politischen und religiösen Verschiedenheiten stellten.

Es ist uns unverständlich, daß ein Sohn von Klaus von Stauffenberg weder diese historischen Fakten noch die aktuellen Entwicklungen respektiert hat. Zur dreißigsten Jährung des 20. Juli sprach vor vier Jahren im Reichstag in Berlin Ministerpräsident Hans Karl Filbinger. Einige wenige aus dem Kreis des 20. Juli protestierten damals gegen diese (heute furchtbare) Zumutung. Wer einen Mann wie Filbinger zum 20. Juli reden läßt und andererseits gegen einen zwar politisch Andersdenkenden, aber bekannten Antifaschisten wie Wehner Einwände hat, verfälscht das historische Verständnis des 20. Juli.

Mit freundlichem Gruß