Der 20. Juli wird weiterhin für den Tagesverbrauch ausgedroschen. Ich möchte deswegen drei Vorbemerkungen machen.

Erstens Widerstand war die Ausnahme, Anpassung die Regel. Man muß nicht zum Widerstand gehört haben, um ein anständiger Deutscher gewesen zu sein. Um so verwerflicher ist die mißbräuchliche Berufung auf den Widerstand. Wer sich persönlich auf den Widerstand beruft, muß mindestens einen Teil der Gefahren des Widerstandes getragen haben. Selbsternannte Widerstandskämpfer, von denen sich herausstellt, daß sie an der Exekutive des Nationalsozialismus unbehelligt und aktiv teilgenommen haben, schaden dem Ansehen der Männer und Frauen des Widerstandes und damit dem Ansehen des deutschen Volkes in der Welt.

Zweitens: Der Gedenktag des 20. Juli läuft auch weiterhin Gefahr, die unverbindlichen Leerformeln über Demokratie und Menschenrechte zu vermehren. Unverbindlichkeit aber war unvereinbar mit Denken und Handeln der Widerstandskämpfer, denn die Entscheidung für den Widerstand war unzweideutig und unwiderruflich.

Drittens: Die Wahl des 20. Juli 1944 als Tag des ganzen deutschen Widerstandes birgt die Gefahr, daß der deutsche Widerstand nachträglich eine einseitig konservative Färbung erhält. Ich habe vor zehn Jahren schon auf die Geschichte deutscher Patrioten von links und auf ihre Brüderschaft mit dem Widerstand nach 1933 hingewiesen. Ich möchte deswegen ganz offen sagen, daß die jüngste öffentliche Feststellung von Graf Stauffenberg, das Gedächtnis an den 20. Juli, erhalte mit einer Rede von Herbert Wehner eine falsche politische Färbung, unzulässig war.

Zunächst einmal sei festgestellt, daß auch die Kommunisten in den zwanziger Jahren politische Gegner des Nationalsozialismus und seiner deutschnationalen Allianz waren. Sicherlich hat auch die Politik der Kommunisten dazu beigetragen, daß die Weimarer Republik zusammenbrach. Trotzdem waren während der zwanziger Jahre viele Mitglieder der Kommunistischen Partei in ihrer Zielsetzung Demokraten. Verirrte Demokraten, wie wir heute wissen – aber nichtsdestoweniger Demokraten. Und Herbert Wehner zählte zu ihnen. Wer Herbert Wehners Irrtümer mit den Perversionen der Faschisten vergleicht, wie dies heute in Deutschland immer wieder geschieht, tut nicht nur Unrecht an diesem Mann. Diese Gleichsetzung von Kommunisten und Faschisten in Weimar ist zugleich eine Quelle gefährlicher Fehldeutungen der deutschen Geschichte und jenes blinden Antikommunismus, der gerade seine Vertreter daran hindert, die wahren Ursachen des Kommunismus – und damit die Gefahren, in denen wir leben – zu verstehen.

Die Bedeutung des 20. Juli für die Bürger eines demokratischen Rechtsstaats kann nicht in erster Linie darin liegen, zu geloben, daß Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in unserem Lande erhalten bleiben: Dies bleibt unsere selbstverständliche Verpflichtung, für die es des 20. Juli nicht bedürft hätte. Besondere aktuelle Bedeutung scheint mir demgegenüber die Beziehung zwischen Widerstand und politischen Grundrechten zu haben. Der deutsche Widerstand war von Anfang an in erster Linie darauf gerichtet, im Kampf gegen den Faschismus die Menschen- und Bürgerrechte wiederherzustellen. Nach 1933 zunächst in Deutschland und dann, nach 1939, auch in den von Deutschland Überfallenen Ländern.

Denn anders als in diesen Ländern war der deutsche Widerstand nicht gegen eine Fremdherrschaft gerichtet, sondern gegen die eigene Regierung. Es waren die Verbrechen der Nazis an politischen Gegnern, an Juden, an Menschen religiösen Bekenntnisses, an den Bewohnern anderer Länder, die dem Widerstand bis hin zum gescheiterten Tyrannenmord seine rechtliche Legitimation gaben. Ich bestreite nicht, daß auch diejenigen, die zu später Stunde, als die Niederlage gewiß geworden war, unnötiges Blutvergießen verhindern wollten und im Widerstand zur Reichsregierung retten wollten, was zu retten war – daß auch sie Tapferkeit und Mut gezeigt haben. Der moralische Anspruch des deutschen Widerstandes jedoch wird nicht von denen getragen, die das Ausmaß der Niederlage begrenzen wollten, sondern von jenen, die einem verbrecherischen, aber national noch erfolgreichen Hitler das Handwerk legen wollten. Und ihre Legitimation war eben die Legitimation der Menschenrechte.