Tänzer sind wie Pferde: nur dann gut, wenn sie täglich geritten werden. Der Formanstieg der Berliner während des New York-Gastspiels ist der abermalige Beweis dafür. Eifriger Gastspiel-Auslauf ist also auch künstlerisch eine Notwendigkeit.

Reinhard Beuth in einem „Welt“-Artikel über das Ballett der Deutschen Oper Berlin

Hollywood im Test

Filmmenschen, so scheint es, besitzen eine besondere Vorliebe für Umfragen: nach den zehn besten Filmen aller Zeiten, nach den wichtigsten Stummfilmen, nach den Meisterwerken dieser oder jener nationalen Kinematographie. Die wohl umfangreichste dieser Umfragen hat in den letzten beiden Jahren das königlich-belgische Filmarchiv in Brüssel veranstaltet. Anläßlich der Zweihundertjahr-Feier der USA forschte der Archiv-Direktor Jacques Ledoux bei 203 internationalen Regisseuren, Kritikern, Film-Historikern und -Archivaren nach den 30 wichtigsten amerikanischen Filmen vom Beginn der Stummfilmzeit bis heute, dazu nach den unterschätztesten Werken des amerikanischen Kinos. Die Ergebnisse dieses Spiels, an dem sich so prominente eintasten wie François Truffaut, Jaques Rivette, Alain Resnais, Martin Scorsese und Werner Herzog beteiligten, liegt jetzt in sehr detaillierter Form vor. Kaum Überraschungen gab es bei den Filmen: „Citizen Kane“ lag wieder einmal an der Spitze, gefolgt von Murnaus „Sunrise“, Stroheims „Greed“, den Griffith-Filmen „Intolerance“ und „Birth of a Nation“, Donen/Kellys „Singin‘ in the Rain“, Flahertys „Nanook of the North“, Keatons „The General“ und Chaplins „Goldrausch“. Bei den Regisseuren kam John Ford mit 411 Nennungen auf den ersten Platz, vor Griffith, Chaplin, Welles, Hawks, Hitchcock, Lubitsch, Sternberg, Stroheim, Vidor und Keaton. Unter dem Titel „The most important and misappreciated american films since the beginning of the cinema“ hat das Brüsseler Filmarchiv (Ravenstein 23, B-1000 Brüssel) alle Antworten (mit zum Teil sehr ausführlichen Begründungen) und Statistiken als Buch herausgebracht: 150 Seiten, auf denen insgesamt 2327 Filme genannt werden (20,– Dollar).

„Stars“ vom Ammersee

Mit seinem ehrgeizigen, auf zwanzig Bände angelegten Doppel-Unternehmen „Der populäre Film“ und „Enzyklopädie des populären Films“ will der in Schondorf am Ammersee (Buchenweg 1) ansässige Kleinverlag Roloff & Seeßlen das Unterhaltungskino und seine Genres vorstellen. Einige Bände sind bereits erschienen. Jetzt leisten sich die ehrgeizigen Filmliteratur-Macher sogar eine eigene Zeitschrift: „Stars“ soll über „Film, Rockmusik, Comics und andere Themen der populären Kultur“ informieren. In der ersten, gerade erschienenen Nummer, gewidmet Hollywoods Sexgöttinnen der dreißiger Jahre, finden sich passable, wenn auch nicht überwältigend originelle Aufsätze über Jean Harlow, Greta Garbo, Marlene Dietrich und Mae West, ein Artikel zum Vamp-Mythos, diverse Notizen aus der Rock-Szene und Anmerkungen zum Thema „Comics und Science-fiction“. Im Editorial der ersten „Stars“-Ausgabe steht auch eine Art von Glaubensbekenntnis der Herausgeber: „Wir scheuen uns nicht vor der Analyse und werden versuchen, bekannte Dinge der populären Kultur auf ihre dahinterliegenden Mythen hin zu untersuchen. Auch werden wir uns erlauben, schöne Dinge ganz einfach nur schön zu finden, ohne Abendland, Kulturschutt und moralischen Zeigefinger.“ Anregungen und auch Manuskripte von Lesern sind willkommen.

Journalisten-Poesie: Im Klangschatten

Wie schwach muß ein Sujet sein, für dessen Beschreibung jemand immer nur starke, nein: dröhnende Wörter benutzt – oder wie schwach der Beschreibende, der sich solcher Wörter mit einem Eifer sondergleichen bedient, sie besonders gern selber zusammenkuppelt und dann die Leere nicht bemerkt, die er so lärmend erzeugt. Beispiele einer solchen geradezu tobend demonstrierten Sprachnot zu finden, ist bei Reginald Rudorf in der „Welt“ nicht schwer. Die Mitglieder einer Ost-Berliner Pop-Gruppe sind nicht einfach Musiker, sondern „sozialistische Show-Delegierte“ und „rockende Ostjacken“; ein Hamburger Liedermacher ist ein „Sound-Bote“, welcher einen „Schongang-Song“ singen sollte. In den „Schlagerlanden“ mit „Klangkonzernen“ und viel „Jazz-Jungtönerei“ für das „Junior-Fanvolk“ findet der so wütend stabreimende R. R. spielend leicht auch einen „Psycho-Prognostiker“. Das Jazz-Festival von Montreux ist nicht bloß ein Jazz-Festival, sondern „Weltmeeting“, „Marathon-Meeting“, „Jazzsupermarkt“, auf welchem, wie komisch, der WDR inmitten „der Rockaggression und des Beatkommerz“ „Radio-Aktivitäten“ entfaltet. So treibt es den enthusiasmierten Leser, den Meister zu übertreffen, vielleicht so: „Vor vollem Haus rasten des Kanadiers Perfektionshände unermüdlich über die 88 Tasten des Pianofortes: Oscar Peterson, Klavierkönig des Jazz, hielt hof im Casino zu Montreux am Genfer See. In blitztelegrafisch beschleunigten Klavier-Läufen und plötzlich eingeklinkten Blockakkorden, die sich sofort wieder in linearen Improvisationen auflösen, stellt Peterson alles in den Klangschatten, was sich sonst noch im Jazzbereich professionell mit dem Piano beschäftigt.“ Gelogen. Es ist keine Parodie; es ist nur abgeschrieben aus der „Welt“. Verfasser des Artikels mit der Überschrift „Als Peterson kam, bebte das Casino“, war Reginald Rudorf. Wenn er kommt, bebt der Papierkorb.