Von Gerhard Seehase

Vorsichtig tastet er mit der linken Hand über den Tisch, findet das Bierglas, greift kräftig zu und sagt „prost“. Ein tiefer Schluck – und das Glas kehrt fast haargenau auf jene Ecke der Tischdecke zurück, von der es vorher weggenommen worden war.

„Natürlich“, sagt er, „wer blind ist, bekommt es häufig genug zu spüren, daß man ihn nicht für voll nimmt. Etwa so: Er kann ja nichts dafür, daß er nichts sehen kann; aber kann er denn überhaupt richtig essen?“

Klaus Kurznack, 36 Jahre alt, Referent in der Hamburger Arbeits- und Sozialbehörde, ist vollblind. Seine erschütternde Geschichte endet im Dunkel; aber der Schluß dieser Geschichte hat noch eine Fortsetzung. Und darin ist nicht mehr von völliger Finsternis die Rede.

Klaus Kurznack war sechs Jahre alt und ging noch nicht zur Schule, als das Unglück geschah. Er hatte damals einem Arbeiter zugeschaut, der mit einem Hammer große Eisenkrampen einwuchtete. Ein Schlag ging fehl, die nur halb getroffene Krampe sprang dem Jungen ins Auge.

Das eine Auge mußte entfernt werden, das andere entzündete sich, blieb geschwächt. Aber obwohl Klaus Kurznack fortan stark sehbehindert war, konnte er sich später in seiner schulischen Umgebung gut orientieren.

Und dann kam die Katastrophe. Klaus Kurznack war sechzehn Jahre alt und ging ins Gymnasium. „Es war einer dieser Tage“, erzählt er, „die so stinknormal beginnen, daß man sie nachher sofort wieder vergessen hätte, wäre da nicht die Prügelei auf dem Schulhof gewesen.“