Mit sechzehn, im Krieg, im Stalingradwinter, bevor ich als Luftwaffenhelfer eingezogen wurde, bevor die Wohnung verbrannte, entdeckte ich im Bücherschrank ganz unten, hinter düsteren Scharteken und medizinischen Jahrbüchern einige Romane von Zola sowie Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz". Thomas Mann hatte ich schon vorher gefunden, in der Bei Etage hinter Bismarck, Beumelburg, Kolbenheyer. Er interessierte mich nur, weil er verboten war. Aber Zola und Döblin, hektisch verschlungen, faszinierten mich. Zwischen dem Paris des einen und dem Berlin des andern gab es für ein paar Wochen keine räumlichen und zeitlichen .Unterschiede; Franz Biberkopf und Nana lebten in der gleichen Stadt. Und die war für mich wirklicher als das Paris oder Berlin der Wehrmachtberichte.

Nach dem Krieg kaufte ich zweimal eine Nummer der Zeitschrift "Das Goldene Tor", trotz des abstoßend feierlichen Titels, die Döblin, aus dem Exil zurückgekehrt, in Mainz herausgab. Ende der fünfziger Jahre, nach Döblins Tod, versuchte ich, "Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende" zu lesen. Ich kam nicht weit. Ich verstand kein Wort. Als Günter Grass Ende der sechziger Jahre von seinem "Lehrer" Döblin sprach, als ich irgendwo Brechts Bemerkung aus dem Jahr 1927 fand, Döblin sei einer seiner illegitimen Väter, wurde ich noch mal neugierig und nahm mir vor, "Die drei Sprünge des Wang-Lun" oder "Wallenstein" zu lesen. Es blieb beim Vorsatz. Ich war also, und deshalb erwähne ich das, typischer Döblin-Leser, bisher. Erinnerung an "Berlin Alexanderplatz", ein paar weitere Buchtitel läuten hören, hie und da aufgeschnappte Details aus dem Leben, sonst nichts. Döblin kam nicht an. Auch nicht bei der offiziellen literarischen Zunft. "Und als ich wiederkam, da – kam ich nicht wieder." Kaum einer mochte sich auf ihn einlassen.

Ich habe mich jetzt auf ihn eingelassen. Ein hundertster Geburtstag ist immer hilfreich. Die Verleger rühren sich, die Zunft äußert sich. Vereinzelt hat sie das schon vorher, nach Döblins Tod, getan. Da "machten sich die Totenrichter der deutschen Literatur, die Germanisten, ans Werk, um auch ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen" (Heinz D. Osterle im Nachwort zu "November 1918"). Trotzdem wurde an den Universitäten meist nur "Berlin Alexanderplatz" behandelt. Und die von Walter Muschg und Heinz Graber von 1960 bis 1972 herausgegebene Werkauswahl in fünfzehn Bänden blieb ohne große Resonanz.

Nun aber erschien von dieser Auswahl eine um bisher noch nicht wiederveröffentlichte Schriften vermehrte Sonderausgabe, eine Taschenbuchedition von "November 1918", eine Reihe gründlicher wissenschaftlicher Arbeiten sowie eine sehr informative, trotzdem übersichtlich gehaltene Monographie.

Ergebnis der anstrengendsten Lektüre meines Lebens: Befremden, Abwehr, Bewunderung, Ratlosigkeit, Überwältigung, Mitleid, Beunruhigung – Fragen über Fragen. Wie eines seiner riesigen, städtevertilgenden Ungeheuer in "Berge, Meere und Giganten" vor Hamburg, so liegt Döblins gesamtes schriftstellerisches Werk als Ungetüm, als mehrköpfig redendes Monster quer zwischen den Spalierbäumen der deutschen Gegenwartsliteratur.

Mit mehrköpfig meine ich die Widersprüche im Werk Döblins. Herausgeber, Erläuterer, Kommentierer versuchen, diese Widersprüche zu erklären, zu unterscheiden zwischen vermeintlichen und wirklichen; in der Tat ist nützlich, was sie dem ungeübten Döblin-Leser vortragen. Allerdings geraten sie sich in die Haare: Wenn einer die letzten Romane Döblins meisterhaft, der andere sie kunstlos und roh findet, wenn der dritte vom gutwilligen Leser erwartet, daß er am Schluß von "Hamlet" vor Ergriffenheit weint, und der vierte den Leser vor der Unverdaulichkeit Döblins eindringlich warnt. Gemeinsam hadern sie mit Döblin wegen seiner Schwächen, Nachlässigkeiten, Unglaubwürdigkeiten, und rühmen seine Kraft, Genauigkeit, Glaubwürdigkeit. Dem Leser ist bald klar: die Kommentierer stehen vor Döblin zwar kenntnisreicher, aber nicht weniger ratlos.

"Döblins eigentümliche Entwicklung ist von typischen Faktoren bestimmt worden: Assimilationsschwierigkeiten eines Juden in Preußen, das Zerbrechen der elterlichen Ehe und die folgende Verarmung der Familie, vornehmlich aber die Herkunft aus ohnehin ungesicherten kleinbürgerlichen Verhältnissen haben den Jungen von Anfang an gesellschaftliche Widersprüche erfahren lassen, die schon der Achtzehnjährige in die Formel vom "furchtbaren Kampf der Menschen um Erwerb, um Sein und Nichtsein" faßte, die der Erwachsene als gesetzmäßige Bedingungen der menschlichen Existenz wahrnahm und im Lauf seines Lebens verschiedentlich auf einen Begriff zu bringen versucht hat" (Schroeter) – allerdings von so vielen wechselnden Standpunkten aus, daß die Verwirrung anhält. Proteisch wird er genannt. Mir aber scheint, nicht Döblin verwandelte sich dauernd, sondern die Unvereinbarkeiten seiner Zeit sammelten sich in ihm, alle, und er mußte sie alle austragen.