Von Ralph-Rainer Wuthenow

Es ist erstaunlich, wie es auch typisch ist, daß einer der bedeutendsten politischen Schriftsteller unserer Literatur, einer der wichtigsten Augenzeugen der Französischen Revolution, Konrad Engelbert Oelsner (1724–1828), soweit vergessen werden konnte, daß eine Neuausgabe seines, Hauptwerks heute eine Entdeckung genannt werden muß. Hinweise und Zeugnisse über ihn und sein Wirken sind spärlich und finden sich vor allem bei gleichfalls ins kollektive Vergessen gedrängten Autoren: von Halem, Zschocke, Jochmann, Varnhagen von Ense. Seine Arbeiten zusammenzustellen, ist überaus schwierig; zum Teil liegen sie nur noch in ganz wenigen Exemplaren vor, vieles wurde anonym veröffentlicht, zuweilen ist die Zuschreibung umstritten, und der Nachlaß wird vielleicht mit der Sammlung Varnhagen aus der Preußischen Staatsbibliothek in einigen Jahren erst wieder zugänglich werden. "Mit vertrauten Freunden die Welt zu besprechen, ihnen seine Ansichten, die ihm bekannten Thatsachen zu eröffnen, sie durch seine Mittheilungen zu fördern, zu erfreuen, das war seine Lieblingsbeschäftigung, zugleich fast die einzige, die er treiben mochte. Diese vornehme Unabhängigkeit von allen gemeinen Rücksichten, und der Reichthum persönlicher Gaben, die er immerfort austheilen konnte, machten ihn der größten und vertraulichsten Verhältnisse genießen, ohne daß er sie benutzte", heißt es in der Charakteristik, die Varnhagen hinterlassen hat, als er die "Bildnisse aus Rahels Umgang" zeichnete.

Eine solche Würdigung läßt aufhorchen. Angezogen von den Ereignissen der Großen Revolution, die er wie viele deutsche Intellektuelle der Zeit enthusiastisch begrüßt, begibt sich Oelsner bald nach Paris, wo er in Beziehungen zu Graf Schlabrendorf, zu Georg Kerner, später auch zu Georg Forster tritt; als Mitglied des Jakobiner-Klubs, bald auch als Freund und Vertrauter führender Köpfe der Revolution – Sieyès insbesondere, aber auch viele bedeutende Figuren der Gironde, wie das Ehepaar Roland, Brissot, Condorcet, nicht zuletzt Chamfort sind hier zu nennen – ist er Zeuge und nicht selten wohl auch Teilnehmer der Pariser Vorgänge bis zur Hinrichtung des Königs, die er für so gerechtfertigt wie überflüssig hielt, schließlich bis zum Sturz der Gironde, den er als die Vernichtung seiner republikanischen und kosmopolitischen Hoffnungen empfinden mußte. So verließ er Paris im ersten Jahr der Herrschaft Robespierres, dem er stets mißtraut hatte. Nach dem 9. Thermidor zurückgekehrt, nimmt er kurzfristig auch eine Stelle als Gesandter der Stadt Frankfurt an und setzt, der beginnenden Unterdrückung unter dem Directoire zum Trotz, seine publizistische Tätigkeit fort, die ihm in Deutschland jedoch mehr Gegner als Anhänger verschaffte. Versuche von Freunden wie Sieyès und dem späteren Grafen Reinhard, ihn zur Übernahme eines Amtes im Dienst der Republik zu bewegen, scheiterten an seiner Freiheitsliebe und Zurückhaltung. Erst als der Sturz Napoleons neue Hoffnungen in ihm weckte, fand er sich, einem Angebot Hardenbergs folgend, bereit, einen Posten bei der Preußischen Botschaft in Paris zu übernehmen, der ihm aber in der Zeit der Restauration nicht lange genügen konnte.

Bis zu seinem Tode den Ideen der Französischen Revolution treu und publizistisch tätig, mußte ihn die Entwicklung nach 1815 mit Verbitterung erfüllen; umgekehrt ist es bezeichnend, daß seine Schriften vergessen weil verschwiegen, vielleicht sogar wie die vieler anderer in jenen Jahren systematisch vernichtet worden sind. Der "Jakobiner" Oelsner, den Hegel 1794 in Bern aufsuchte, ist als Historiker und Publizist erst wieder sichtbar zu machen.

Politische Briefe erschienen in der "Minerva" von Archenholz, geschrieben zum Teil aus dem Feldlager von Dumoriez, andere Beiträge findet man in Wielands "Teutschem Merkur"; dann veröffentlicht Oelsner einen Band mit "Bruchstücken" aus den Papieren eines Augenzeugen der Revolution, die wenige Jahre später überarbeitet unter dem seltsamen Titel "Luzifer oder gereinigte Beiträge zur Geschichte der Französischen Revolution" in einer korrigierten, endgültigen Fassung abermals vorgelegt werden.

Weitere Arbeiten finden sich in anderen bedeutenden Zeitschriften der Epoche, wenn auch nicht eben in konservativen. In ihnen findet man auch Auszüge aus den Schriften von Sieyès, Condorcet und Chamfort in Oelsners Übersetzung. Eine Schrift über die Wirkungen der Religion Mohammeds wird 1809 vom Französischen Nationalinstitut der Wissenschaften preisgekrönt; Goethe spricht mit Anerkennung nur von dieser Arbeit Oelsners. Seine politischen Denkwürdigkeiten erscheinen erst zwanzig Jahre nach seinem Tode, im Jahr der Revolution. Die wichtigste Schrift aber, eben der "Luzifer", scheint bis vor kurzem nur noch vier- oder fünfmal in Deutschland vorhanden gewesen zu sein.

Um so wertvoller und wichtiger ist der nunmehr, leider ohne Einführung oder Nachwort, kommentarlos edierte Nachdruck: