Konrad Engelbert Oelsner: "Luzifer oder gereinigte Beiträge zur Geschichte der Französischen Revolution 1797, Zweiter Teil 1799"; Scriptor Reprints, Aufklärung und Revolution. Deutsche Texte 1790–1810, herausgegeben von Jörn Garber, Scriptor Verlag, Kronberg, 1977; 462 u. 470 S., 160,– DM.

Die Vorrede beginnt mit den Worten: "Das bürgerlich-heroische Trauerspiel, dessen letztem Akte unser leidendes Zeitalter sehnsuchtsvoll entgegenschaut, wurde mit einer hinreißenden Symphonie philanthropischer Grundsätze eröffnet. Weh dem Herzen das nicht mitfühlte. Denn obwohl Verderbniß und Unverstand, das Gesetz der Vernunft zum Werkzeuge verkehrter Absichten, und zur Quelle unsäglichen Jammers gemacht, so bleibt der Wahrheit göttliches Recht doch unverletzt und überlebt jeden Mißbrauch."

Zu Beginn des zweiten Teils findet sich ein deutlicher Hinweis auf die mangelnde Vorhersehbarkeit der Entwicklung, was auch damit zusammenhängt, daß den Handelnden selbst die Ereignisse zu entgleiten beginnen. Es ist unmöglich für den Augenzeugen, sich als Prophet zu geben: "Die menschlichen Begebenheiten, nicht selten der Erwartung spottend, haben hier fast immer die Absicht übersprungen oder seitwärts gelassen, oder eine ganz neue getanzet. Daher ist die Revolution nichts als eine Sammlung von Rhapsodien, zusammen gereimt von dem unwillkürlichen ersten Freiheitstaumel der Philosophie, und der Thorheit, der Verzweiflung des an seinen eigenen Ausschweifungen sterbenden Despotism."

Aber auch daß es sich um eine soziale Revolution handelt, nicht nur um Freiheit und Recht, hat Oelsner früh schon erkannt: Sklaverei auf der einen, Ausschweifungen auf der anderen Seite werden bei gleicher Verteilung der Glücksgüter, wenn schon nicht beseitigt, so doch weitgehend gemildert werden. Auch die Bedeutung der Kapitale für die Revolution wird ihm bald bewußt. Immer wieder deuten sich Übereinstimmungen mit Georg Forster an wie auch die mit Chamforts "Tableaux de la Revolution". Chamfort wird wiederholt als Gewährsmann genannt wie auch Sieyès und Condorcet. In Anekdoten wird die alte Gesellschaft gekennzeichnet, ihre Intrigen, der haut goût der absoluten Herrschaft und der entmachteten, zum privilegierten Höflingsdienst heruntergekommenen Feudalität in ihrer Dürftigkeit, ihrem Hochmut. So legt Oelsner Voraussetzungen der revolutionären Entwicklung bloß. Aber auch die Mängel der neuen Verfassung, Engstirnigkeit und Fanatismus der Volksmänner werden nicht verschwiegen, die er frühzeitig wahrnimmt – und in ihnen die Keime des Terrors. Nichtsdestoweniger finden die Jakobiner eine gerechte Beurteilung: "Sie allein sind im Stande eine höchst heilsame Revolution in den Sitten, Folge der neuen bürgerlichen Institutionen zu beschleunigen." Sie vor allem behaupten die neue Entwicklung gegen die verräterischen Anstrengungen des Hofes, und wo es zu blutigen Ausschreitungen kommt, erinnert Oelsner immer wieder an die Verantwortung der Herrschenden, ihre Torheiten und Provokationen.

Der zweite Teil enthält die "Minerva"-Beiträge bis zur Zeit der Exekution des Königs, Korrespondenzberichte, denn dieses Genre nimmt in jenen Jahren seinen Anfang, was gewiß nicht zufällig ist, "Der gegenwärtige Krieg", sagt Oelsner bei Gelegenheit, "ist nichts anders, als der Prozeß des Degens und der Feder, des Schießpulvers und der Druckerkunst, der Vernunft und der Gewalt; wer von beiden siegen wird, mag die Zeit lehren?"

Angesichts der Fehler der europäischen Fürsten und ihrer Koalition gegen die Republik finden auch blutige Ereignisse in Paris ihre Erklärung, selbst wenn Oelsner die Ausschreitungen nicht rechtfertigen will. So hat das Manifest des Herzogs von Braunschweig seiner Ansicht nach eigentlich den König von Frankreich entthront.

Der Berichterstattung über die Septembermorde und die Folgen der Kanonade von Valmy schließen sich republikanische Ermahnungen für die Deutschen aus dem Quartier von Dumoriez und Kellermann an; Im November 1792 resümiert er, was damals außer ihm und Forster nur wenige verstanden, wenn er sagt: "Die Hauptbeweger der Revolution haben bei unendlich vielen Vorkommnissen gehandelt wie Hebebäume ohne Ahnung ihrer Kräfte und Wirkungen, ja die Zukunft hat nicht selten vor den Augen der Aktöre sowohl als der Beobachter in einer Katacombe dicker Nacht gehangen, weil, wenn nicht ein Zusammenfluß von Ränken, den man Zufall nennt, die Begebenheiten entschied, sie fast niemals von einer Intensität der Begriffe, sondern durch die Ausdehnung derselben, über eine ungeheure Fläche von Köpfen geschaffen wurden."