Bevor am vergangenen Wochenende bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Köln der erste Startschuß fiel, hatten sich die Juristen zu einem Hindernislauf durch die Paragraphen aufgemacht. Sieger wurden dabei die Anwälte des Diskuswerfers Hein-Direk Neu und des Kugelstoßers Hans-Joachim Krug. Die beiden Athleten waren vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zuvor wegen Anabolikadopings gesperrt worden. Sie ließen ihre Startberechtigung daraufhin per einstweiliger Verfügung gerichtlich feststellen.

Die Reihe der leidigen Dopingfälle im Leichtathletikbereich war zuvor durch eine undurchsichtige Affäre aus dem Jahre 1975 ergänzt worden, in die die neue Hochsprungmeisterin Brigitte Holzapfel – sie überquerte, wie auch ihre Rivalin Ulrike Meyfarth, in Köln die Rekordhöhe von 1,95 m – verstrickt gewesen war. Brigitte Holzapfel hatte seinerzeit bei den Mehrkampfmeisterschaften in Lübeck ein auf der Dopingliste stehendes Kreislaufmittel (Novadral) zu sich genommen, das nach Aussage des damals zur DLV-Doping-Kommission gehörenden Mainzer Apothekers Horst Klehr auch unumwunden als „unzulässig“ apostrophiert worden war, was aber erstaunlicherweise nicht bestraft wurde.

Von diesem Vorfall wußten sowohl DLV-Präsident Professor August Kirsch („Ist mir völlig neu“) als auch Sportwart Otto Klappert („Ich kann mich daran nicht erinnern“). Und das, obwohl der Vorsitzende der Doping-Kommission, der Sportarzt Dr. Baron, bestätigte, das Ergebnis der Urinuntersuchung von Brigitte Holzapfel an das Präsidium weitergeleitet zu haben, obwohl Otto Klappert als DLV-Delegierter seinerzeit in Lübeck anwesend gewesen war.

Die schier unerklärlichen Erinnerungslücken bei den Leichtathletik-Funktionären waren freilich bis Samstag plötzlich aufgefüllt. Dr. Baron habe damals, so sagte August Kirsch während einer Pressekonferenz, dem DLV-Präsidium in einem Brief empfohlen, die Sünderin lediglich mit einem „ernsten Verweis“ zu belegen.

Merkwürdig: Als die Affäre ruchbar geworden war, kehrte auch die Erinnerung bei den Beteiligten zurück. Merkwürdig, daß Dr. Baron behauptet, er sei für die Untersuchung – und nur für die – verantwortlich und nicht für Urteile. Nunmehr aber beruft man sich auf seine Empfehlung. Merkwürdig auch, daß August Kirsch auf die Frage, warum er nicht informiert sei, gemutmaßt hatte, vielleicht habe Baron sein Wissen seinerzeit ja für sich behalten.

Man dürfe, so hieß es im DLV-Präsidium in Köln, die Situation von heute nicht mit jener von 1975 vergleichen. Allein, das Kreislaufmittel Novadral zählte 1975 ebenso zu den Dopingmitteln wie heute. Auch wenn das einige Leute im DLV-Vorstand offenbar nicht so ganz ernst genommen haben. Bernd Dassel