Von Rolf Schneider

Das Buch, um das es hier geht, trägt den Titel "Sozialismus mit deutschem Antlitz".

Jonathan Steele: Socialism with a German Face, Jonathan Cape, London 1978; 256 S., $ 6.95.

Der Titel der amerikanischen Parallelausgabe ist nicht minder anzüglich: "Der Staat, der aus der Kälte kam". Der Verfasser wirkt als außenpolitischer Korrespondent für Englands liberales Top-Blatt, den Guardian. Die DDR kennt und bereist er seit 1959.

Es gibt so etwas wie eine angelsächsische Tradition von journalistischer DDR-Betrachtung. 1966 schrieb der amerikanische TV-Korrespondent Welles Hangen ein Buch, das im Deutschen "Der unbequeme Nachbar" hieß und, damals eine Rarität, der DDR mit Betrachtungen beikommen wollte statt mit Vorgefaßtheit. Hangens Buch war reine Reportage. Steeles Buch will mehr sein und ist auch mehr.

Zu seinen ausdrücklich benannten Informanten gehören der in die DDR emigrierte Ex-Reuter-Korrespondent John Peet und der aus der DDR exmittierte Spiegel- Korrespondent Jörg R. Mettke; gehören der Schriftsteller Otto Gotsche, ein enger Vertrauter Walter Ulbrichts, und der Schriftsteller Stefan Heym, nun gewiß kein enger Vertrauter Walter Ulbrichts; gehören die Professoren Jürgen Kuczynski und Robert Havemann, Leute vom ZK der SED und Leute vom Westberliner DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschnung), das von der SED wenig gemocht wird. Einseitigkeit in der Auswahl seiner Konfidenten wird man Steele also nicht vorwerfen können, mangelnde Quellenkenntnis auch nicht. Die Liste der benutzten Literatur ist imponierend lang, die Auswahl zeugt von Kennerschaft.

Ich habe aus diesem Buch Dinge erfahren, die ich, immerhin ein unmittelbar betroffener Zeitgenosse, entweder nicht wußte oder die mir gänzlich entfallen waren. Zum Beispiel, daß 1946 in Sachsen die SED für Schwarzmarktschieber die Todesstrafe einführen wollte, was am vereinten Widerstand von CDU und LDPD dann scheiterte. Oder daß Oktober 1957 Kurt Hager, heute Politbüro-Mitglied, von der damaligen SED-Spitze hart gerüffelt wurde wegen seiner Toleranz gegenüber dem Philosophen Bloch. Oder daß, ausgenommen die Rentner, in der DDR die Gruppe der höchsten Einkommen im Schnitt nur dreimal so viel verdient wie die Gruppe der niedrigsten Einkommen. Oder daß im ersten Jahr nach dem letzten Krieg die sowjetisch besetzte Zone das höchste Versorgungsniveau aufwies von allen vier Zonen; im Jahr darauf hatte die amerikanische zur sowjetischen Zone aufgeschlossen; die britische lag immer noch darunter.