Steeles Urteil über die heutige DDR ist am besten durch eine seiner Kapitelüberschriften wiedergegeben: "Sozialleistungen von der Wiege bis zum Grab". Er sieht die DDR als Wohlfahrtsstaat, autoritär verwaltet, als das akzeptable Beispiel einer Gesellschaft erreichbarer sozialer Gerechtigkeit. Steele unterschlägt keine Fehler, keine Unterlassungen, keine Schmerzen, keine Deformationen. Er hält sie aber offenbar für Geburtswehen, endlich und überwindbar, da häufig schon überwunden. Sein größtes Kompliment gilt der unbezweifelbaren antifaschistischen Haltung dieses Staates von Anfang an; sie ist ihm offenbar für vieles Legitimation und Rechtfertigung.

Ich bin, das gestehe ich, aus der Lektüre dieses Buches patriotisch gestärkt hervorgegangen. Nun leide ich, betreffend meine unmittelbare Umwelt, unter einem gut entwickelten Problembewußtsein; ihm wurde durch das Buch herzlich wenig Nahrung gegeben. Ich mußte mich am Ende ernsthaft fragen, ob denn die formulierbaren Einwände gegen Leben in der DDR wirklich so marginal wirken neben dem, was es an Erfreulichem gibt. Die Antwort hängt ab vom Standort des Betrachters; der kann auch sein Wohnort sein. Immerhin vermag dieses Buch begreiflich zu machen, wieso selbst Leute wie Wolf Biermann und Robert Havemann trotz aller Mißlichkeit weiterhin für die DDR optieren. Und das will doch auch mal erklärt sein.