Die Wasserkuppe: Mekka der Ikarus-Nachfolger

Von Wolfgang Boller

Nur der Bussard war freier. Er schwebte sekundenlang mit ausgebreiteten, regungslosen Schwingen neben dem Segelflugzeug, das, wie er, von Luftströmen getragen und gewiegt wurde. Das Flügelrauschen im Wind war das einzige Geräusch. Auf der Erde, die sich unter dem Flugzeug wie eine Riesenkugel wegdrehte, waren einzig die gleitenden Schatten zweier Vögel zurückgeblieben – des Bussards und unserer "Rhönlerche".

Plötzlich wurden wir wie von unsichtbaren Händen angehoben. Über der "Rhönlerche" stand eine Wolke wie ein Helm aus Schlagsahne. Der Segelflugschüler hörte den Lehrer hinter sich sagen: "Sieh da, ein Bart." Im Ton der Stimme schwang etwas von der Erregung, die den Jäger befällt, wenn in der Dämmerung ein kapitaler Bock auf die Lichtung tritt. "Ein Fahrstuhl nach oben", sagte der Lehrer und deutete hinauf. "Das ist die Thermik unter solchen Kumuluswolken – ein Bart, wie die Segelflieger sagen."

Am fünften Tag der Ausbildung, nach dem siebzehnten Start, lächelte dem Anfänger, dem die Handgriffe, Kontrollphasen und Kommandos des täglichen Flugbetriebs schon zur Routine geworden waren, das Glück der Segelfliegerei. Er berührte, die Bewegungen nachvollziehend, den zweiten Steuerknüppel mit den Fingerspitzen, während der Fluglehrer, aus der Platzrunde ausscherend, das Flugzeug im Aufwind höher und höher kurbelte.

An manchen Tagen, etwa wenn sich Gewitterfronten aufbauen, geht das Exerzitium der Gleitflüge in Himmelsstürmerei über. Das kleine Einmaleins der Schulfliegerei sind jedoch Platzrunden, zwei bis drei Minuten zwischen dem Silberlicht der Höhe und dem auf das Flugzeug zuschießenden Grün der Wiese Die Gefühle der ersten Luftspaziergänge gleichen einem sanften Kinderkirmesfieber, einer Mischung aus Staunen und Beklommenheit. Erst nach Tagen erschließt sich der Mechanismus der Flugbewegungen, gehorchen die Gliedmaßen den Einsichten. Und es ist doch stets dasselbe: Querabflug, Gegenanflug, Queranflug, Endanflug.

"Man fliegt ja mit dem Hintern", sagen die Lehrer, und das soll nun einer verstehen, der alle Hände voll zu tun hat, zwischen Himmel und Erde den stationären Kurvenflug ein- und auszuleiten, Richtung, Querlage und Horizont zu halten, die Instrumente zu beobachten und die Bezugspunkte vom Waldrand bis zum Landekreuz im Auge zu behalten. Die Wonnen des Fliegens reduzieren sich bei günstigenfalls täglich vier oder fünf Starts in drei Wochen auf etwa zwei Stunden in der Luft, wenn nicht gelegentlich ein Bart über der Landschaft hängt. Die Wonnen müssen erstanden werden. Auf der Wasserkuppe herrscht an sonnigen Ferientagen die Atmosphäre von Volksfest und Zirkus. Außer Segelflugzeugen gibt es zwei Bratwurstbuden und vier Souvenirläden, einen Athener Bazar, ein Segelflugmuseum und eine Riesenrutschbahn. Das Segelfliegerlager lockt bei Flugwetter wie ein Vergnügungspark bis zu 10 000 Schaulustige an. Sie lehnen als vorübergehende Wanderer ein Viertelstündchen am Zaun oder lassen sich auch mit Klappstuhl und Sonnenschirm den ganzen Tag am Rand des Flugfelds nieder.