Viersen

Die Industrialisierung links des Rheins, wo stets ein frischer Wind von der nahen niederländischen Küste für klare Luft sorgt und Schornsteine die grüne Idylle nicht beschatten, wird von dem Düsseldorfer Wirtschaftsminister Horst-Ludwig Riemer (FDP) und Regierungspräsident Achim Rohde (FDP) als Kernstück einer weitsichtigen Strukturpolitik betrachtet. Am rechten Rheinufer drängen sich Fabriken, diese Region soll entlastet werden.

Linksrheinische Kommunen inmitten saftiger Krautfelder stolzer Bauern, die das Steueraufkommen nicht sonderlich fördern, hören die regierungsamtlichen Deklamationen um so lieber, weil bei jeder nur denkbaren Industrieansiedlung kräftige Investitioriszuschüsse aus dem großen Topf der Landesmittel fließen. Das schmucke Städtchen Viersen am Niederrhein ist jüngster Nutznießer, denn der multinationale Schokoladenkonzern Mars baut hier nach einigem Hin und Her ein Produktionswerk mit etwa 500 Arbeitsplätzen. Die Mars-Menschen sind glücklich, denn weicher und besser könnten sie vermutlich nirgendwo sonst landen.

Der erste Spatenstich ist bereits getan, annähernd 170 Millionen Mark will der Konzern investieren, und Viersens Stadtkämmerer reibt sich die Hände, denn nach 1980 winken fette Steuereinnahmen, ohne daß etwa Ruß oder Petroldampf auf die Bevölkerung fiele, die übrigens seit dreißig Jahren der CDU vertraut. Konrad Adenauer wird verehrt, als lebte er noch, und was der Prälat sagt, hat Gewicht. Doch die SPD kämpft wacker und tritt indirekt sogar gegen die eigene Landesregierung in Düsseldorf an, weil sie mit der "Mars-Landung" nicht einverstanden ist. Das große Geschäft des Gebens und des Nehmens hat die sozialdemokratische Rathausfraktion in Viersen vollends rot anlaufen lassen. Die "Vorleistungen" der Stadt empören die Opposition.

Die Stadt Viersen bot dem Schokoladenkonzern rund 140 000 Quadratmeter für knapp 35 000 Mark an, das heißt: 25 Pfennig pro Quadratmeter! Als der für die Genehmigung zuständige Regierungspräsident Rohde davon hörte, gab es Ärger. Er setzte den Quadratmeterpreis auf vier Mark fest. In allen anderen Punkten eines Ansiedlungsvertrages blieb jedoch der Konzern Sieger. So versprach die Stadt, daß eine Privatfirma in der Nachbarschaft des verkauften Mars-Geländes bis zum 31. Januar 1979 ihre Gießereiproduktion mit weit über 100 Arbeitsplätzen einstellt, und ab 1. Februar nur noch Arbeiten ausführt, die dem Konzern genehm sind: "Im Hinblick auf die schädlichen Einflüsse der Gießerei auf die Produktion der Mars-Erzeugnisse verpflichtet sich die Stadt, für jeden angefangenen Monat nach dem 1. Februar 1979, da noch Geruchsimmissionen entstehen sollten, eine Vertragsstrafe von 250 000 Mark monatlich zu zahlen."

Ferner wird dem international renommierten Ansiedler garantiert, daß sich in seiner Nähe "keine Baulichkeit" etabliert, die Mars nicht wünscht. Und damit aber auch gar nichts in den nächsten hundert Jahren passieren kann, kauft die Stadt sämtliche in der Nachbarschaft gelegenen Grundstücke "unverzüglich" auf. Außerdem baut Viersen zu eigenen Lasten eine zweispurige "Schokoladen-Straße", auf der die Mars-Transporte rollen werden, und für einen gesonderten Gleisanschluß wird auch gesorgt.

Alles in allem dürfte Viersen etwa 10 Millionen Mark aufzubringen haben, um diese Ansiedlung zu bewerkstelligen, und mit mindestens 30 Millionen Mark wird wohl die Landesregierung zur Kasse gebeten. 20 Prozent der Investitionssumme hat die Stadt dem Konzern versprochen, aber für die Politiker in Düsseldorf liegt die Grenze bei 15 Prozent – das ist die höchstmögliche und nur in Ausnahmen fällige Zuschußrate, durchschnittlich werden acht Prozent garantiert. Minister Riemer soll blechen, doch er windet sich noch – "wie ein Regenwurm auf der Bratpfanne", sagen die Viersener.