Nun bringen sie wieder Raketen nach Hanoi. Diesmal sollen die russischen Waffen nicht Bomber und Kriegsschiffe der Amerikaner abschrecken, sondern den chinesischen "Erbfeind" Vietnams. An der Nordgrenze des Landes mehren sich die blutigen Zusammenstöße. Dies ist nicht mehr bloß ein Bagatellstreit um Nachbars Zaun. Vietnam wird zum Schauplatz eines Konflikts, der auf breiter Front – von Constanza bis zu den Kurilen – entbrannt ist. Während der Balkanreise des chinesischen Partei- und Regierungschefs Hua Kuo-feng verfiel die sowjetische Presse in beängstigende Hysterie, als stünde der Dritte Weltkrieg unmittelbar vor der Tür. Doch ist es nur ein neuer Kalter Krieg.

Ausgefochten wird er in den alten Gräben. An Stelle der Amerikaner oder auch neben ihnen haben sich die Chinesen in die vorderste Front begeben. Sie verhalten sich dabei nach dem Grundmuster der Containement-Politik von 1947. Doch da sie militärisch noch längst nicht so stark sind wie damals Amerika, bevorzugen sie die Waffen der Ideologie, der Propaganda, des Handels, des technologischen und kulturellen Austausches. Wenn sich die Sowjetunion wieder wie in den Jahren vor 1963 eingekreist fühlt, so ist das genau die Wirkung, die sich die chinesischen Großraumpolitiker erhofft haben.

Schadenfrohes Zuschauen beim Ringen zwischen Bär und Drachen geziemt niemandem. Vonnöten wäre es jetzt, Ängste abtragen zu helfen – zwischen China und Vietnam, zwischen Rußland und China. Denn Großmächte, die sich in ihrer Ehre verletzt, in ihrem Selbstgefühl gekränkt, in ihrer Machtstellung bedroht fühlen, neigen zu unberechenbaren Ausbrüchen. Nichts kann der Völkerfamilie weniger erwünscht sein. K.H.J.