Da haben wir uns jahrzehntelang vor Reklame- und Propagandamachern gefürchtet, die mit listigen Psychotricks die Schwelle unseres Bewußtseins umschleichen und direkt ins Unterbewußtsein vorstoßen, um uns allerlei. Waren oder Ideologien anzudrehen – und jetzt erfahren wir: Es stimmt alles nicht.

Das schäumende Bierglas, das für Bruchteile von Sekunden im Kino oder im Fernsehen eingeblendet wird – so kurz, daß wir es nicht bemerken, wohl aber unser Inneres mit einem mächtigen Bierdurst darauf reagiert –, hat in Wahrheit überhaupt keine Wirkung. Die geheimen Verführer, vor denen uns Vance Packard so eindringlich gewarnt hat – Buhmänner waren sie, sonst nichts.

Das alles, freilich in strenger wissenschaftlicher Diktion, wird in einem soeben in den Beltz-Monographien erschienenen Buch nachgewiesen: "Die Legende von den geheimen Verführern". Geschrieben hat es Horst W. Brand, Assistent am Institut für Sozialpsychologie der Universität Köln.

Doktor Brand hat mit großem Fleiß die wissenschaftliche Literatur nach Beweisen und Widerlegungen für die unterschwellige Beeinflussung durchforstet. Sein Befund: Soweit die Frage nach der Existenz der subliminalen Stimulation – so der Fachterminus für den Bierglastrick – experimentell untersucht wurde, kam höchst Widersprüchliches dabei heraus. Brands Analyse aber zeigt deutlich: Die Versuche, deren Ergebnisse für die Möglichkeit der geheimen Verführung sprachen, sind allesamt fragwürdig. In vielen wurden nicht einmal die simpelsten Forderungen, die an ein kontrolliertes Experiment zu stellen sind, erfüllt. Der junge Wissenschaftler hat auch selbst Versuche ausgeführt, die durchweg negative Resultate lieferten.

Es hätte uns schon zu denken geben müssen, daß die Werbewirtschaft, die doch sonst nicht gerade zimperlich ist, mit verdächtiger Selbstbeschränkung auf die so vielversprechende unterschwellige Beeinflussung verzichtet hat. Warum wohl? Jetzt wissen wir’s: Weil sie nicht funktioniert.

Wieso aber ließen wir uns 20 Jahre lang von Sachbuchautoren, Politikern, Zukunftsprognostikern und Populärpsychologen einreden, es gäbe, dieses Trojanische Pferd für die tiefen Seelenschichten?

Weil es so plausibel klang. Die Möglichkeit, das Bewußtsein auszutricksen, paßte vorzüglich in das verbreitete Bild von unseren verschiedenen Bewußtseinsebenen und deren unterschiedliche Manipulierbarkeit.