Von Norbert Denkel

"Nicht der Schrift-, sondern der Photographieunkundige wird, so hat man gesagt, der Analphabet der Zukunft sein."

Walter Benjamin

Mein Vater war mir, der ich 1938 geboren bin, jahrelang nahezu völlig unbekannt. Er existierte nur in Form von Bildern: Ein uniformierter Mann, allein oder zusammen mit anderen uniformierten. Soldaten. Als 1945 ein Mann die staubige Moselstraße entlangkam, in Fußlappen, eine leere Blechdose am Bindfaden um die Hüften, dünn wie eine Vogelscheuche in der zu weiten Uniform, da hat mich niemand davon abhalten können zu sagen, das sei nicht mein Vater. Mein Vater: der konnte nur so sein wie auf den Bildern.

Damals war ich sieben und hatte schon den Krieg erlebt. Was davon im Gedächtnis blieb, ist unauslöschlich und immer abrufbar als Momentaufnahme gespeichert: Das brennende Klosterdach nebenan, eine nicht explodierte Brandbombe auf der Straße vor unserem Haus, 1945 der verkohlte Baum vor einem Tor; als ich ihn wegwälzen wollte, brach er auseinander – es war ein verbrannter Mensch.

Das sind andere Bilder als die damals gedruckten: Propagandabilder vom schönen Krieg und vom Führer – photographierte Inszenierungen gestellter Realität. Das einzige Bildmittel, geeignet für die Vermittlung von Authentizität, war für lange Zeit pervertiert.

In Deutschland mußte man wieder, ganz von vorn anfangen. Da man wenig wußte, konnte man sich um so leidenschaftlicher auseinandersetzen, etwa über Karl Paweks Thesen: ob Photographie Kunst sei – oder nicht.