Die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag hat in ihrem Buch "Über Fotografie" (Hanser Verlag, München, 1978; 196 S., 29,80 DM) dem Photo den Kunstwert abgesprochen, weil, im Gegensatz zum gemalten oder sonstwie hergestellten Kunstbild die Handschrift, die Unverwechselbarkeit, die Originalität dieses und keines anderen Autors, Herstellers, Künstlers im Photo nicht erkennbar sei.

Aber kommt es darauf an, wenn ich Photos anschaue, wenn ich mich daran erinnere, welche Rolle abphotographierte Bilder in meinem Leben gespielt haben, was die Funktion des Photos in unser aller Leben sein mag? Schon der Versuch, abzuschätzen, wie groß die Anzahl der Photos sein könnte, die ich in den siebenundfünfzig Jahren meines bisherigen Lebens gesehen habe, führt zu schwindelerregenden Zahlen. Unzählige Photos, die auf mich eingewirkt haben. Und in der Flut dieser Bilderschwemme immer noch zahllose Photos, die willkürlich oder unwillkürlich abrufbar sind: Photos aus Familienalben, Photos aus Illustrierten, die ich als Kind gesehen habe, Photos in Hunderten von Photobänden, Zeitschriften, Zeitungen. Täglich, stündlich wird die Zahl dieser Photos fast an allen Orten der Welt vermehrt, potenziert, ohne daß ein Ende abzusehen ist.

Kann ich, mit oder gegen Susan Sontag, die These Walter Benjamins noch einmal herausholen und sagen, im Photo habe sich die Aura des Kunstwerks, die dessen Einmaligkeit konstituierte und definierte, verwandelt in das unendlich Reproduzierbare des Ausstellungswertes? Ausstellungswert gleich Vorzeigewert? Bilder unserer Alltäglichkeit oder auch des Besonderen in unserer Alltäglichkeit, mechanisch abgespiegelte Abbilder präpariert zur unablässigen Vorzeigbarkeit? Haben wir es nötig und wozu, solche Abbildlichkeit ständig vorzeigbar zu halten? Was gewinnen oder verlieren wir dabei? Wirkt dieser Vorzeigeeffekt des Photos auf unsere Imagination ein? Sind wir, nicht nur was pornographische Photos betrifft, Voyeure der photographischen Belauschbarkeit, korrekter, der photographischen Betrachtbarkeit? Und was tut das mit unserer Phantasie? Mischen sich deren Bilder bereits unabtrennbar mit den Bildern, die diese unzähligen Photos uns vorzeigen?

Von Photobüchern sprechend, was bewegt mich noch immer, wenn ich mir Photos vergegenwärtige aus Otto Steinerts Anthologien "Subjektive Fotografie", "Charmes de Londres" von Izis-Bidermanas, "Images à la Sauvette" von Henri Cartier-Bresson, Robert Franks "The Americans", Cecil Beatons "The Face of the World", Richard Avedons Porträtsammlungen? Was, auf der anderen Seite, ist an unauslöschlichen Anstößen ausgegangen für mich von Photographen wie Nadar, Atget, Weston, Siskind, Callahan, Adams, Kertesz, Walker Evans, Bill Brandt, Brassaï, Strand, William Klein? Was, schließlich, haben Photos an Spur in mir zurückgelassen wie die von Diane Arbus, Eugene Meatyeard, David Bailey, die Kasten mit Reproduktionen von Les Krims, die Photobündel von Ed Ruscha?

Sagt dies dem, der all diese Namen noch nie gehört hat, überhaupt etwas? Und stecke ich, indem ich sie nenne, für mich, aber auch für den, der nur einen Teil davon identifiziert, nicht einen ganzen Raum der bildhaften Innerlichkeit ab? Dienen; mir solche Namen nicht als Schlüssel, die augenblicklich meine Vorstellungskraft versetzen in ein geheimes Reich der Bilder?

Hergestellte Bildwelt, sekundäre Bildwelt, präparierte Bildwelt. Dennoch Erfahrung, Bilderfahrung, die ich aus meinem Leben nicht wieder auslöschen kann. Nicht Kunsterfahrung, nicht Einbruch von Überwältigung, Öffnung von Einsicht, eher blind-sehend, sehend nicht Bescheid wissend. Aber Erfahrung.

Welche Erfahrung? Vergleichbar der des Traums? Manchmal, vielleicht. Nicht einmal vergleichbar der des Films. Einbruch von Rosselinis "Paisa", Dreyers "Jeanne d’Arc" oder Warhols "Chelsea Girls" von ganz anderer Art als das Anhaftende, das Eingeprägte, das eingeprägt in den Bildapparat meiner Innerlichkeit fest einstrukturierten Photos. Photostruktur unvergeßbarer als die Bilder der Erinnerung. Die objektivierte, mechanisch hergestellte Erinnerung stärker, unausweichlicher, prägender als die Bilder der eigenen Erinnerung, der Computer des eigenen Gehirns stärker programmierbar von außengesteuerten Bildern? Und wenn es so ist, was bedeutet das dann für das Bewußtsein, das ich von mir selber habe, das mich als ein Selbst konstituiert? Bin ich denn noch Ich, wenn meine Erfahrung so von Fremdbildern überschwemmt zu werden vermag?