Wäre das nicht gegen jedes Protokoll und allen Anstand, so müßte unter diesem Bild stehen: Walter Henkels begrüßt Jimmy Carter. Denn einer Bonner Symbolfigur, einer Institution schüttelt der amerikanische Präsident bei einem Empfang anläßlich seines Staatsbesuchs im Juli da schon die Hand. Auch einer Tradition: Denn auf den Tag genau vor 30 Jahren, am 1. September 1948, als der Parlamentarische Rat das Grundgesetz zu schmieden begann, hat Walter Henkels angefangen, über Bonn zu schreiben; ehedem auch in diesem Blatt, dann vor allem in der Frankfurter Allgemeinen und in einer Reihe regionaler Gazetten, die von ihm beziehen, was man im journalistischen Jargon das "Grüne" nennt: die große Politik am Beispiel ihrer Äußerlichkeiten, von den Personen über die Histörchen bis zu den Anekdoten. Walter Henkels ist ein Markenartikel in Bonn.

Von ihm abgeschildert zu werden, das ist für viele Politiker so etwas wie ein Ritterschlag geworden. Was Wunder, wenn sie dazu neigen, ihm zu schmeicheln. Aber Henkels hat sich nie verführen lassen. Dagegen schützt ihn das Mittel der milden Ironie; wiewohl mit Bonn auf du und du, hat er sich stets Distanz bewahrt, durch die leise, nicht verletzende, doch eben deshalb desto deutlichere Andeutung. Fast wie ein journalistischer Werner Finck selig, verschluckt er manche Pointe. Er ist am stärksten dort, wo er nur zu verstehen gibt.

Das macht am Ende, daß aus seinen Bonner Geschichten über drei Jahrzehnte hinweg auch eine Geschichte dieser Republik geworden ist, eine besondere Historie aus dem scheinbar Nebensächlichen. Der staatsmännische Text, den die Politiker im Munde führen, bekommt da immer eine Fußnote, gezeichnet von W. H. Was sich feierlich gebärden möchte, das holt er vom Kothurn, ohne daß daraus Kolportage oder Trivialität würde. Und zur Distanz gehört auch, daß Henkels in 30 Jahren auf der Bonner Bühne unendlich viele hat kommen und gehen sehen, unaufhaltsame Aufstiege, unaufhaltsame Abstiege, ein Reigen ohne Unterlaß. Da liegt es nahe, es mit Bonn, seinen Akteuren und seinen Gästen, so zu halten wie etwa Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht über das Karussell im Jardin du Luxembourg: und dann und wann ein weißer Elefant. Der heißt dann zum Beispiel Jimmy Carter, und Henkels gibt sich die Ehre, ihn zu begrüßen. C.-C. K.