Berlin, Ende August

Die Freude über die Mitfahrgelegenheit in der Kosmonautenkapsel "Sojus 31" ließ die Zeitungen in der DDR für eine Weile die Abgrenzungsdoktrin vergessen: "Der erste Deutsche im All ein DDR-Bürger", jubelte das SED-Blatt Neues Deutschland und mit ihm die gesamte DDR-Presse. Der Weltraumflug des Oberstleutnants der Nationalen Volksarmee Sigmund Jahn wird auch als Triumph über den anderen, nichtsozialistischen deutschen Staat verstanden. Nicht ein Deutscher von drüben hat es geschafft, sondern einer aus der DDR, ein Arbeiterjunge und guter Kommunist.

Die Lebensläufe, Bilder, Reportagen, die jetzt über den Forschungskosmonauten Sigmund Jahn verbreitet werden, sind sicherlich um einiges geschönt und idealisiert. Eine gradlinige, politisch lupenreine Karriere tut sich da auf: Geboren am 13. Februar 1937 in Rautenkranz bei Klingenthal im Vogtland, nahe der Grenze zur Tschechoslowakei. Die Eltern mit ehrlichen Arbeitergesichtern, die Mutter eine Näherin, der Vater ein Sägewerkmeister, der jetzt beim Start in Baikonur dabeisein durfte. In der Schule schon marschiert Jahn vornean, als Gruppenratsvorsitzender der Pioniere und Sekretär der FDJ-Gruppe. Die 8. Klasse verläßt er mit dem besten Zeugnis aller Schulabgänger. Er lernt das Buchdruckerhandwerk, doch im Jahre 1955, als sich die DDR in der "kasernierten Volkspolizei" eine eigene Armee aufbaut, läßt sich Sigmund Jahn während eines FDJ-Aufgebots für die Offizierslaufbahn anwerben; zugleich wird er Kandidat, später Mitglied der SED.

Vorbildlich, so will es seine Vita, ist Jahn immer gewesen. In der Ausbildung zeigt er überdurchschnittliche Leistungen, gute Charaktereigenschaften, Willensstärke. Die Partei, so heißt es, lehrte ihn, vor keiner Bewährungsprobe zurückzuschrecken, immer klassenbewußt von einem klaren politischen Standpunkt auszugehen und überzeugt die eigene Tätigkeit in die gesellschaftliche Entwicklung einzuordnen. Nach der Ausbildung an der Offiziershochschule der Luftstreitkräfte wird Jähn Jagdflieger, erreicht alle Qualifizierungsstufen, ist auch politisch aktiv und gehört immer zu den Erfolgreichen seines Geschwaders.

Im Jahre 1966 wird die entscheidende Welche im Leben des Sigmund Jähn gestellt: Er wird auf die sowjetische Militärakademie der Luftstreitkräfte geschickt, die den Namen Jurij Gagarins trägt, des ersten Menschen im Weltraum. Die Schulung an einer sowjetischen Militärakademie ist Voraussetzung für jeden DDR-Offizier, der in den Generalsrang aufsteigen will. Wenn Jahn von seinem Weltraumflug zurückkehrt, wird er wohl zum Oberst befördert, und dann ist es nur noch ein Schritt bis Zum Generalmajor, im Alter von 41 Jahren.

Auf der sowjetischen Fliegerakademie blieb Jahn ungewöhnlich lange, bis 1970: die meisten Fächer schloß er mit der Note "Ausgezeichnet" ab. Danach wurde er Fluglehrer, erhielt den Titel "verdienter Militärflieger der DDR". Vor zwei Jahren wurde er zusammen mit Oberstleutnant Eberhard Köllner für die Kosmonautenausbildung in der Sowjetunion ausgewählt. Im sogenannten "Sternenstädtchen", dem Ausbildungszentrum für Kosmonauten vierzig Autominuten von Moskau entfernt, begann die theoretische Ausbildung. Es folgten praktisches Training, Fitneßprogramme, Vorbereitung des Körpers auf die Schwerelosigkeit, Überlebenstraining. Seine Aufgaben bewältigt er "mit der Überzeugtheit, mit dem Einsatz und der Willensstarke, die Kommunisten auszeichnet".

Der freundliche, kräftige Mann mit dem schmalen Gesicht und dem welligen blonden Haar wird als ruhig und ausgeglichen geschildert. Eine Reportage aus dem Raumschiff bestätigt diesen Eindruck. Langsam, klar, aber keineswegs redegewandt schildert Jähn seine Erlebnisse und Aufgaben. Er spricht mit leichtem Dialekt, jedoch kein Sächsisch, daß es einen schüttelt. Von Bord des "Orbitalkomplexes", der jetzt aus drei aneinandergekoppelten Raumschiffen besteht, erzählt Jähn den Erdbewohnern, er sei "sehr beeindruckt" von den Erlebnissen der letzten Tage. "Dies ist das größte Erlebnis meines Lebens bisher, und wird auch nicht übertroffen werden."