Hinter den Verkehrsverhandlungen: Konzept für die achtziger Jahre

Von Theo Sommer

Beinahe ist es schon vertraute Tagesschau-Routine: Einmal in der Woche zeigt sich Staatssekretär Günter Gaus, der Leiter unserer Ständigen Vertretung in Ostberlin, der deutschen Fernsehnation vor dem DDR-Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten. Zuerst sieht man ihn von hinten, wie er einsam, ohne Referent und Beraterdelegation, bewaffnet nur mit einem schmalen Aktenköfferchen, dem Eingang zustrebt; hinterher ringt er sich vor der Kamera jedesmal ein paar bemessen abwehrende, abwiegelnde Worte von kalkulierter Unanfechtbarkeit über seine Gespräche mit dem stellvertretenden Außenminister Nier ab.

Von Drama verrät die Szene kaum etwas – aber nichts weniger steckt dahinter. Auf dem Spiele steht bei den gegenwärtigen Gesprächen der Fortgang der Entspannung zwischen den beiden deutschen Staaten. Werden die Kooperationsbereiten es schaffen, für die achtziger Jahre zwischen Bonn und Ostberlin eine Klammer der sachlichen Zusammenarbeit zu schmieden? Oder gelingt es den Kleingläubigen und den Großspurigen, die Ansätze zum deutschen Miteinander unter der Decke eines Denkens zu ersticken, das weder Annäherung will noch Wandel verträgt?

Der Anbahnung sachlicher Zusammenarbeit dienen die Verhandlungen über die Autobahn Hamburg–Berlin und die Öffnung des Teltow-Kanals, die vor allem unsere Berlin-Bedürfnisse befriedigen, weniger die Verkehrsbedürfnisse der DDR, ferner die Bemühungen um eine Erweiterung des nichtkommerziellen Zahlungsverkehrs. Das ganze Verhandlungspaket wird die Bundesrepublik eine Handvoll Milliarden Mark kosten. Auf Unterminierung eben solcher Abreden sind freilich vielerlei östliche Vorstöße angelegt, vor allem die wiederkehrenden Versuche, die Arbeit westdeutscher Korrespondenten in der DDR zu lähmen. Sind die Urheber dieser Maßnahmen darauf aus, die westdeutsche Öffentlichkeit gegen die vorgeschlagene weitere Zusammenarbeit mit der DDR aufzubringen?

Es ist ein kompliziertes Spiel, das sich da hinter den Kulissen der deutsch-deutschen Politik entfaltet. Interesse und Ideologie vermengen sich dabei auf schwer entwirrbare Weise.

In Bonn sind die Positionen relativ klar. Der Bundeskanzler will "weiter nach Wegen der Öffnung" suchen, wie er zum 17. Juni erklärte. Im menschlichen Bereich hat sich die Anerkennung des ostdeutschen Staates bisher gelohnt, wie sie sich auch für Berlin ausgezahlt hat – alle Statistiken über Besucher, Transitverkehr, Störfälle belegen die Verbesserung. Jetzt kommt es darauf an, die Einhaltung der geschlossenen Abkommen und Vereinbarungen zu sichern. Darüber hinaus müssen weitere Übereinkünfte angestrebt werden – nach der Daumenregel: mehr D-Mark für mehr Erleichterungen. Gewiß hat Honecker nie ein Zeichen gegeben, daß er sich Grundsätze abkaufen ließe. Doch weshalb sollte unsere Wirtschaftskraft nicht als Hebel dienen, um ganz praktische Dinge zu erreichen: einen Ausbau der Verkehrsverbindungen; die Ausweitung des kleinen Grenzverkehrs auf die grenznahen Großstädte; eine Herabsetzung des Reisealters oder mindestens doch eine gleitende Erhöhung der Zahl jener DDR-Bürger, die nach Westen reisen dürfen?