Von Rolf Zundel

Angenommen, der SPD-Fraktionsvorsitzende im rheinland-pfälzischen oder bayerischen Landtag hätte seinen Werdegang und seine politischen Ziele ausgebreitet – wer wohl hätte sich für diese Unternehmen interessiert? Wer, Hand aufs Herz, hätte überhaupt die Namen dieser Herren gekannt? Auch der niedersächsische Oppositionsführer Ravens, immerhin jahrelang Minister in Bonn, und wohl auch die meisten Kabinettsmitglieder von heute, hätten mit einer solchen Hervorbringung kaum die Druckmaschinen eines Verlags in Gang gesetzt. Dies aber ist – mit Gesprächen, die an einem verlängerten Wochenende vor einem Jahr schon geführt wurden, und mit ein paar eingestreuten Aufsätzen und Vorträgen – Erhard Eppler aus Dornstetten gelungen. Der Titel des Bändchens:

Erhard Eppler: "Das Schwerste ist Glaubwürdigkeit", Gespräche über ein Politikerleben mit Freimut Duve, Rowohlt-Taschenbuch, Reinbek 1978,189 S., DM 5,80

Eppler, seit 1974 Oppositionsführer in Stuttgart, kann sich über fehlende Bewunderung und ausgebliebenen Spott, über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen. Grund genug, um zu fragen, was eigentlich seine Faszination gesteigert hat, tatsächlich ausmacht. Diese Irritation hat erst jetzt wieder Rainer Offergeld, Entwicklungsminister in Bonn wie früher Eppler und wie der Autor in Baden-Württemberg zu Hause, sehr deutlich werden lassen, und das sicherlich mit Billigung einflußreicher Parteifreunde. "Ich persönlich meine", so fand Offergeld, "Eppler strapaziert stark die Solidarität vieler Parteimitglieder, wenn er ständig seine Kritik am Bundeskanzler wiederholt." Den politischen Effekt Epplers in Baden-Württemberg veranschlagt er eher gering: dort sei es "den Sozialdemokraten noch nicht gelungen, das, was sie programmatisch geleistet haben, den Bürgern unmittelbar verständlich zu machen".

Tatsächlich vermittelt das Buch Epplers an manchen Stellen den Eindruck, als spreche da ein Mann, der sich mit seiner SPD, vor allem, soweit sie Regierungspartei ist, zunehmend schwer tut, Und da die anderen Parteien ihm allesamt für einen ernsthaften politischen Dialog irrelevant oder unfähig erscheinen, gerät sein Nachdenken und Reden zur Auseinandersetzung mit der Politik seiner eigenen Weggenossen.

Die Regierungspolitik in Bonn, so meint er, erschöpfe sich zu sehr im manchmal sehr gekonnten, aber jedenfalls konventionellen Krisenmanagement. Die SPD aber verfüge über keine Alternative zu dieser Politik, weil sie deren Prämissen nicht in Frage stelle. Die langfristige Wirkung dieser Politik hält Eppler für katastrophal: "Daß Fortschreibung bestehender Trends und Anwendung herkömmlicher Rezepte keine Zukunft haben, zeigt sich exemplarisch, wo es um Arbeitslosigkeit, Energiepolitik, soziale Sicherung oder das Nord-Süd-Gefälle geht."

Der Politiker, an dem sich Eppler am meisten reibt, ist denn auch folgerichtig Bundeskanzler Helmut Schmidt, dessen Argumentationsfähigkeit, politisches Geschick und Machtinstinkt er sehr hoch einschätzt, den er aber zu sehr in den traditionellen, vor allem ökonomischen Erfolgskriterien der Politik befangen sieht. Der Kanzler beschäftigt sich, so darf man Eppler wohl etwas übertreibend interpretieren, nicht so sehr mit der Machbarkeit des Notwendigen, als vielmehr damit, das Machbare für notwendig zu erklären.