Von Thomas v. Randow

Herfa-Neurode

Glück auf", sagt der Mann, der den Förderkorb schließt. Mit wahrem Höllentempo geht es ratternd in die Tiefe. Die Ohren verstopfen sich. In den weißen Overalls, Helm auf dem Kopf, Grubenlampe und Sauerstoffgerät umgehängt, komme ich mir ordentlich zünftig vor. Unter Tage geht es mit dem Auto weiter, über lange Straßen im Salz, bis zur Deponie. Hier stehen sie, die soviel Aufsehen erregt haben, schwarzgelackte Fässer. Ihr Inhalt: Kepone. Vor noch nicht allzu langer Zeit hatten unsere Bauern das aus USA importierte Insektenvernichtungsmittel auf die Kartoffeläcker gestreut, ehe es als zu gefährlich erkannt wurde. Jetzt ist das Zeug nur noch Giftmüll. Er muß verstaut werden. Zum Beispiel hier im stillgelegten Kalibergwerk Herfa-Neurode der Firma Kali und Salz AG.

700 Meter tief unter der Erde in einem Raum aus Hartsalz – nirgendwo sonst auf der Welt gibt es dieses harte Salz – kann Gift besonders sicher gelagert werden. Darum kommen trockene giftige Industrieabfälle hierher, mit etwa 2000 Lkw-Fuhren im Jahr. Sie kommen nicht nur aus der Bundesrepublik. Besonders Frankreich, die Schweiz und die Niederlande, die über keine Lagerstätten von so hohem Sicherheitsgrad verfügen, schicken ihren Sondermüll hierher an die Zonengrenze in der Nähe von Bad Hersfeld. Seit 1972 nimmt die Deponie unter der Vorderrhön Abfallstoffe auf, die der Umwelt entzogen werden müssen. 160 000 Tonnen haben sich schon angesammelt, einen Teil davon kann man nicht mehr sehen, er ist eingemauert. Dreißig- bis vierzigtausend Tonnen kommen pro Jahr dazu.

Als die Deponie eingerichtet wurde, feierte man sie als einen großen Erfolg des Umweltschutzes. Jetzt sind es die Umweltschützer, die Herfa-Neurode ins Gerede gebracht haben. Warum?

Die 250 Tonnen Kepone, die in das Hartsalzgewölbe tief unter Tage gebracht werden – gut die Hälfte ist schon dort, der Rest wartet in Rotterdam auf den Abtransport –, kommen aus Amerika. Warum, so fragten sich umweltbesorgte Bürger, können die Amerikaner ihren Schmutz nicht im eigenen Land verstauen, warum müssen ausgerechnet wir ihn einlagern? Und weil die Gemüter schon einmal erregt waren, fragte man gleich weiter, ob es nicht gefährlich sei, Gifte massenhaft in Salzstollen aufzubewahren. Bald hieß es, unter den lieblichen Fachwerkhäusern der hessischen Dörfer in der Umgegend, die zunehmend für den Fremdenverkehr werben, ticke eine Zeitbombe. Da in Hessen die Wahl ansteht, schimpfen Grüne und Schwarze im trauten Verein auf die regierende SPD wegen des "Giftmüllskandals".

In der Tat ist zu fragen, ob es richtig war, die Deponie von Herfa-Neurode den Amerikanern zur Verfügung zu stellen. Zwar ist Kepone keineswegs etwa die gefährlichste Substanz, die dort lagert, aber jedes zusätzliche Gift, ob stark oder schwach, das in einem Land anfällt, erhöht die Gefahr für die Bewohner. Die Größe des Risikos hängt unter anderem von zwei Bestimmungsgrößen ab, von der Länge der Transportwege und von der Bevölkerungsdichte. Darum zeugt es nicht gerade von Umsicht, wenn ein Umweltministerium die Einlagerung von Giftstoffen genehmigt, die erstens über einen langen Weg gefahren und zweitens aus dem vergleichsweise dünn besiedelten Amerika in die Bundesrepublik mit der zehnfachen Bevölkerungsdichte gebracht werden. Als ich dies Willi Görlach, Hessens Umweltminister, vorhielt, lautete seine Antwort, dies sei eine politische Frage, was fraglos richtig ist, aber nicht eben viel besagt.